22. Juni 2018

Schon Goethe mochte Grün

"Grün in Wohnräumen": beruhigt es oder fördert es die Kreativität?

 

Esszimmer in Holyrood Palace, Edinburgh, Schottland; offizielle Residenz der britischen Königin // Bild: © Shuang Li / shutterstock.com

 

Mal ganz tollkühn würde ich behaupten, dass die überwiegende Mehrheit an Menschen ihre Wohnräume in Weiß oder einer cremefarbenen Variante davon gestrichen hat. Der Grund dafür ist wahrscheinlich zum einen die immer noch umhervagabundierende Meinung, dass wäre stilvoll und elegant. Zum anderen – und das ist der wahrscheinlichere Grund – ist es schlichtweg einfacher, da man alles an Dekorationen und Möbeln damit kombinieren kann. 

Das Gestalten von Räumen mit Farbe bedarf eines gewissen Talentes im Umgang mit deren Wirkung und Kombinationen. So manch einer hat schon Farbe auf einer kleinen Farbpalette ausgesucht und war dann erschrocken, wie anders das auf einer großen Fläche wirkt. Plötzlich wurde aus dem zarten Rosa ein Schweinchenrosa und das sanfte Grün wirkte plötzlich wie kräftiges Apfelgrün.

Auch das Holz des Mobiliars, die Sofabezüge und die Bettwäsche müssen dann darauf abgestimmt werden. Wenn Farben und Muster nicht miteinander harmonieren, haben Sie zwei Probleme – insofern es Ihnen auffällt – : Erstens sieht es aus wie gewollt und nicht gekonnt und zweitens wird es optisch unruhig und macht die Bewohner vielleicht ebenso unruhig. Denn Farben wirken auf unsere Psyche. Deswegen ist Gestalten mit Farben nicht nur eine „Gefällt-mir“-, sondern auch eine „Was-macht-es-mit-mir“-Frage.

 

PSYCHOLOGIE DER FARBEN

Die Anwendung von Farben zählt zu den ältesten Formen der Heilbehandlung. Jede Farbe hat eine andere Wirkung auf unsere Psyche und unseren Körper. Das wussten auch schon Hippokrates und Goethe. Die Wirkung von Farben auf uns hat was mit deren Wellenlängen und deren Energie zu tun. Daher nehmen wir sie nicht nur über die Augen auf, sondern auch über unseren Körper. Sie beeinflussen unser Befinden und die Funktionen unserer Organe. Ein Mangel an Sonne, Licht und Farben kann zu Störungen normaler Körperfunktionen und zu Unbehagen und Krankheiten führen.

Ein Leben ohne Farbe ist also sinnlos und schlichtweg unmöglich :-)

 

Gestalten und Kombinieren von verschiedenen Farbtönen muss nicht kunterbunt werden / Bild: © shutterstock.com

 

Hippokrates empfahl die Sonne als Heilmittel, da das Licht heilende Wirkung hätte. Denn dieses weiße Licht der Sonne ist nicht weiß, sondern bunt. Jeder weiß, dass Sonnenlicht, das durch ein Prisma scheint, sich in seine Spektralfarben zerlegt. Diese auch Regenbogenfarben genannten Farben sind die siebenfarbigen Energien aus dem Sonnenspektrum: rot – orange – gelb – grün – blau – indigo – violett. Jede dieser „reinen und nicht weiter zerlegbaren“ Farben trifft in unterschiedlichen Wellenlängen auf uns und entfaltet ihre spezielle Wirkung. 

Beispielsweise wirkt Rot wärmend und aktivierend. Orange wirkt belebend und gesellig. Gelb wirkt aufheiternd und geistig anregend. Grün wirkt beruhigend und ausgleichend. Blau (Cyan, Hellblau) wirkt kühlend und vermittelt geistige Offenheit und Freiheit. Indigo (Dunkelblau) wirkt entspannend und fördert klares Denken. Violett wirkt nervenberuhigend und kreativfördernd.

 

Auch in Büros oder Fabrikräumen belebt grüne Farbe den sonst so grauen Alltag. / Bild: © shutterstock.com

 

Mehr Mut zur farbigen Gestaltung in den eigenen vier Wänden hat meine Wohnung zu einem bunten Refugium gemacht – allerdings nicht im knalligen Sinn. Manchmal greift man bei der Farbwahl auch daneben; so auch ich! Vor ein paar Wochen habe ich mein Schlafzimmer neu gestrichen, weil mir das kühle Grau, das ich vorher hatte, zu kalt und distanziert war. Es sah zwar chic aus, aber ich habe mich nie wirklich heimelig gefühlt und ständig versucht, mit farbiger Bettwäsche, Dekorationen und Bildern eine mir angenehme Atmosphäre zu schaffen. Nichts hat wirklich geholfen. Ich musste es neu streichen. Jetzt ist es grün und alles ist gut :-)

 

ALLES IM GRÜNEN BEREICH

Farbe durchdringt uns, was sich auch in unserer Sprache und Redewendungen widerspiegelt. „Grün vor Neid sein“, „du hast grünes Licht für den Auftrag“ oder im Baujargon der Ausdruck „auf die grüne Wiese bauen“ zeigt den großen Einfluss von Farben auf unser Leben. Grün ist die Farbe der Natur, Wald und Wiese. Wenn man sich entspannen will, geht man wohin? In die Natur! Grün hat eine ausgleichende Wirkung auf unsere Seele und unser Empfinden.

 

Goethes Arbeitszimmer in seinem Wohnhaus in Weimar, Goethe-Nationalmuseum und Teil des UNESCO-Welterbes / Bild: © Daniele Ludewig

 

Johann Wolfgang von Goethe hatte farbige Wände in seinem Haus in Weimar. Jeder Raum war anders gestaltet. Er hat sich intensiv mit der Farbenlehre befasst und eigene Erkenntnisse zu deren Einfluss auf das menschliche Befinden erarbeitet. Er kam zu dem Schluss, dass Grün nicht nur beruhigt, sondern dass es auch das Erinnerungsvermögen stärkt und das logische und kreative Denken fördert. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sein Arbeitszimmer grüne Wände hatte. Da er einer der größten Denker und Dichter unserer Geschichte ist, scheint da wohl was dran zu sein. 

Da Grün in der Mitte der Spektralfarben liegt, und im Zentrum der Netzhaut des menschlichen Auges, steht es für Ausgewogenheit, Neutralität und Entspannung. Bei dessen Anblick kann sich das Auge am besten ausruhen und es wirkt wie Balsam auf Körper und Seele. Es erzeugt innere Ruhe und Ausgeglichenheit, führt zu schneller Entspannung und Erholung und galt im Mittelalter als Symbolik für eine beginnende Liebe. Alles Eigenschaften, die sich auch gut für Schlafräume eignen. Im Eigentest kann ich das nur bestätigen. Zudem soll es günstig bei akuten und nervösen Störungen, Nervenüberreizung, seelischer Erschütterung und Stress wirken.

 

Die verschiedenen Grüntöne harmonisieren dieses Schlafzimmer; einzig Weiß und Dunkelbraun wurden kombiniert. / Bild: © shutterstock.com

 

Allerdings sollten nicht die knalligen, sondern die gedeckten oder pastelligen Grüntöne verwendet werden. Der Ausdruck „giftgrün“ kommt nicht von ungefähr und könnte bei der Verwendung an großen Wänden oder im kompletten Raum als ebenso giftig für das Wohlbefinden empfunden werden. Aus eigener Erfahrung kann ich aus einem weiteren fehlgeschlagenen Feldversuch in meiner Küche berichten, dass ich mich an einem kräftigen Türkis relativ schnell satt gesehen hatte und der Raum optisch erdrückt wurde. Und ich hatte es nur an einziger Wand, der Rest war weiß. Trotzdem war dem mit Dekoration nicht Herr zu werden. Auch hier half nur neu tapezieren.

  

EIN BISSCHEN FENG SHUI

Im Feng Shui werden generell nur zarte Farbtöne verwendet. In keinem meiner Bücher zur chinesischen Fünf-Elemente-Lehre fanden sich Abbildungen mit knallig farbigen Wänden. Explizit erwähnt oder ausgeschlossen wurde es allerdings auch nicht. Vor einigen Jahren – bei meinem ersten Renovierungsdurchgang in meiner Wohnung – war ich völlig auf dem Feng-Shui-Trip. Die Ernüchterung traf mich stehenden Fußes: Es gab im Baumarkt eine extra Farbpalette mit „Feng-Shui-Farben“, die alle sehr, sehr pastellig waren und mir überhaupt nicht gefielen. Das sah alles aus wie Babyzimmer. Etwas mehr Entschlossenheit bei der Farbintensität konnte es dann doch sein.

Total von meiner Fähigkeit die Intensität der Farbtöne richtig einschätzen zu können, traf ich eine Auswahl aus dem gesamten Angebot der Farbpalette. Cremegelb für das Wohnzimmer, Violett für das Bad und im Flur, da war ich besonders mutig, Braun. Die drei Räume dieses ersten Renovierungsdurchgangs gefallen mir heute noch. Es war der zweite Durchgang in Schlafzimmer und Küche, bei dem ich mich vergriff und wo Grün dann mein Schlafzimmer rettete und eine Blumentapete meine Küche – ja, Blumen, steh’ ich zu! Sieht auch gar nicht altbacken aus.

 

Drei Wände in meinem Schlafzimmer habe ich grün gestrichen. An der „Kopfwand“, an der das Bett steht, kombinierte ich eine Tapete mit Pfauen darauf. / Bild: © Daniele Ludewig

 

Die besänftigende und beruhigende Wirkung von hellen, matten Grüntönen eignet sich auch gut für das Wohnzimmer. Nach einem anstrengenden Arbeitstag will man sich ja schließlich entspannen. In sanften Tönen kommen die positiven Eigenschaften des Elementes Holz, für das Grün sinnbildlich steht, gut zur Entfaltung. Bei kräftigen Farben könnten sich die negativen Eigenschaften der Farbe Grün, wie Neid, Gleichgültigkeit und Müdigkeit, auswirken.

Enthält ein Grünton mehr Gelbanteil, desto ausgeprägter ist dessen Bewegungs- und Wachstumsenergie und von daher für Räume, die der Entspannung dienen, eher ungeeignet. Dunkelgrün hingegen soll die Kraft und Ausdauer eines mächtigen Baumes beinhalten und Kraft in Krisenzeiten geben und das eigene Durchhaltevermögen stärken.

 

Das Schilfgrün in diesem Wohnraum ist intensiv genug, um dem Raum Farbigkeit zu geben, aber gedeckt genug, um nicht zu stark zu dominieren oder zu erdrücken. / Bild: © shutterstock.com

 

Die Farbe Grün kann also viele gute Einflüsse auf uns haben und wirkt sowohl beruhigend als auch kreativfördernd. Auch wenn Sie vielleicht noch grün hinter den Ohren sind beim Gestalten mit Farben, trauen Sie sich ruhig mal. Am Schluss alles wieder weiß streichen, geht immer!

  

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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