26.09.2017

ZEITLOS SITZEN

Meilensteine der Designgeschichte

 

Es gibt Möbelstücke, die heute noch so modern und zeitgemäß aussehen als ob sie aus einem aktuellen Entwurf entstanden sind. Stattdessen sind sie bereits aus dem letzten Jahrhundert, teilweise sogar aus dem vorletzten. Damals ernteten die Designer nicht immer nur Lob. Mancheiner fand das damals futuristische Designerstück schlicht furchtbar, da es so ganz anders war als das, was dem angesagten Einrichtungsstil dieser Epoche entsprach.

Viele dieser vermeintlich modernen Möbel haben wir schon häufig irgendwo gesehen. Sie tauchen als Nebenobjekte in der Werbung auf oder stehen unbemerkt ihrer Besonderheit in Anwaltsbüros und Hotelfoyers. Denn nur der wahre Kenner erkennt sie und weiß um ihre Geschichte. Vielleicht haben ja auch Sie schon einmal in einem Designerstück gesessen, ohne dessen Herkunft zu kennen. Das soll sich nun ändern.

Ich habe einige dieser geschichtsträchtigen Designerstücke herausgesucht, die mir persönlich am besten gefallen. Es gibt natürlich noch andere herausragende Designermöbel außer Stühle, wie bespielsweise Tische und Lampen. Aber ich habe mich auf die Meilensteine der Sitzgelegenheiten konzentriert.

 

Kaffeehausstuhl von THONET

Design 1859

Thonet ist ein Familienunternehmen, welches seit 1819 existiert und somit eines der ältesten familiengeführten Möbelhersteller der Welt ist. Firmengründer ist der deutsch-österreicher Michael Thonet, der in einer einfachen Werkstatt, einem Einmannbetrieb, seine ersten Möbel designte und herstellte. Um 1830 entwickelte er die damals neuartige Technik des Biegens von massivem Buchenholz mittels Einwirken von Wasserdämpfen und siedenden Flüssigkeiten. 

Seit nahezu 200 Jahren sind das Markenzeichen der Firma Thonet diese sogenannten „Bugholz“-Möbel. Durch die Verformung von Holz war erstmals auch eine industrielle und massenhafte Herstellung von Mobiliar möglich, da das Bearbeiten von verleimtem Schichtholz wesentlich zeitaufwendiger und somit teurer war. Den Durchbruch erlangte die Firma – die mittlerweile zu einem Unternehmen mit mehreren Produktionsstätten herangewachsen war –1859 mit dem „Wiener Kaffeehausstuhl“, der noch heute überall zu sehen ist und damals wie heute nichts von seinem nostalgischen und zugleich zeitlosen Charme verloren hat. Als Kind habe auch ich auf solch einem Kaffehausstuhl gesessen, denn meine Mutter hatte eine Essgruppe mit klassischen Thonetstühlen. Allerdings wusste ich es damals noch nicht zu würdigen, denn ich fand es beim Anlehnen unbequem.

In den 1930er-Jahren war Thonet dann abermals Teil einer neuartigen Herstellungsmethode. Sie stellten nun die Möbel aus gebogenem Stahlrohr im Bauhaus-Stil her. Die Entwürfe von Designern und Architekten wie Mies van der Rohe, Mart Stam und Marcel Breuer entstanden in einer Thonet-Fabrik.

Das Stammhaus der Firma Thonet liegt heute immernoch in Deutschland, im nordhessischen Frankenberg. Der Kaffeehausstuhl, dessen eigentliche Bezeichnung „214“ ist, kostet um die 700 €.

 

WASSILY SESSEL von Marcel Breuer

Design 1926

Bildquelle: knoll.com

 

Der eigentliche Name dieses Sessels ist „Stuhl B3“ oder auch „Stahlclubsessel B3“ und gilt als das erste Stahlrohrmöbel überhaupt. Entworfen wurde er von dem deutsch-amerikanischen Designer und Architekten (ohne klassische Architekturausbildung) Marcel Breuer, der als „Erfinder des modernen Stahlrohrmöbels“ gilt. Die ersten Entwurfsreihen des gelernten Tischlers waren noch aus Holz gefertigt.

Der Sessel gehört zu der zweiten Entwurfsphase von Breuer, die er in seiner Zeit als Leiter der Möbelwerkstatt der Kunstschule BAUHAUS in Dessau entwarf. Das Design dieses Sessels entspricht dem Gestaltungsprinzip des Bauhaus-Stils: Zusammenführung von Kunst und Handwerk. Schlichte Einzelteile werden additiv zusammengefügt, wobei die Konstruktion, also der handwerkliche Prozess, sichtbar sein darf. Beispielsweise sind die Schraubverbindungen nicht verdeckt oder kaschiert. Die Arm- und Sitzflächen bestehen aus gespannten Lederriemen und sind Teil der statischen Konstruktion. Ursprünglich war der Sessel nicht mit Leder, sondern mit Eisengarngewebe bespannt.

Seinen Beinamen „Wassily“ erhielt der Sessel erst später. Der Maler Wassily Kandinsky lehrte an der Bauhaus-Schule zur gleichen Zeit als auch Breuer hier den Sessel entwarf. Er soll von dem Entwurf so begeistert gewesen sein, dass er sofort ein Modell für sich privat haben wollte.

Bevor 1929 die Fa. Thonet die Produktionsrechte für die Möbelentwürfe Breuers übernahm, wurden sie in seiner selbst gegründeten Firma hergestellt. Heute wird der „Wassily“ Sessel von der Firma Knoll International in den USA gefertigt. In jedes Möbelstück sind als Zertifikat das Knoll Logo und die Unterschrift von Marcel Breuer eingeprägt. Er kostet um die 2.000 €.

 

LC4 CHAISELOUNGUE von Le Corbusier

Design 1928

Die Liege wurde damals eigens für die jährlich stattfindende Kunstaustellung „Pariser Herbstsalon“ entwickelt und löste sowohl Entsetzen als auch Begeisterung aus. Die LC4 ist Teil der LC-Möbelserie von Le Corbusier, Charlotte Periand und Pierre Jeanneret. Konzipiert war die gesamte Kollektion als gestalterische Gegenbewegung zum damals vorherrschenden Art déco, dessen Hauptmerkmale dekorative und ornamentale Elemente sind. Die neue Stilrichtung der 1920-Jahre war hingegen geprägt von einfachen, geometrischen und stromlinienförmigen Designs, die die Funktion des Möbelstücks in den Vordergrund stellten. Die Entwürfe reduzierten sich auf funktionales Design und waren Ausdruck der maschinellen und industriellen Veränderungen der Gesellschaft.

Die klassische LC4 besteht aus einem Untergestell aus Stahl in mattschwarz und einem darauf ruhenden verchromten Rahmen, der stufenlos verstellbar ist. Die ergonomisch geschwungene Liegefläche ist mit schwarzem Leder bezogen. Mittlerweile gibt es sie in variierenden Material- und Farbdesigns. Mein Favourit ist die Liege mit Kuhfell bezogen oder – wie oben abgebildet – in der etwas feminineren Version in Holzoptik, kombiniert mit weißem Leder.

Lizenz und Herstellungsrechte des Originaldesigns obliegen dem Mailänder Traditionsunternhemen CASSINA seit den 1960er Jahren. Sie kostet um je nach Ausführung ab 4.200 € aufwärts.

 

BARCELONA SESSEL von Mies van der Rohe

Design 1929

Dieser Sessel ist eine Legende und gehört ebenso wie die LC4 und der WASSILY in die Ära des Bauhaus-Stils! Durch die leicht gekippte Form sitzt man extrem gut darin („was ich nur bestätigen kann“) und er ist mit fast allen Möbelstilen kombinierbar. Irgendwann in meinem Leben will ich davon zwei in cognacfarben haben! 

1929 entwarf der in Deutschland geborene Architekt Ludwig Mies van der Rohe diesen Lounge-Sessel, manche sagen auch Stuhl, für den Deutschen Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona. Getrost dem Motto, „Weniger ist mehr“, besticht er durch seine Schlichtheit und die ausgewogenen Proportionen. Die Exklusivität dieses Designersessels liegt vor allem im Detail. Das Chromgestell des BARCELONA aus Flachfederstahl wird von Hand auf Hochglanz poliert. Der Lederbezug, bestehend aus 40 Einzelstücken, und die Knöpfe werden ebenfalls von Hand vernäht. Die Nähte bestehen aus „Keder“-Nähten, was als handwerklich aufwendigste Art der Kissen-Verzierung gilt.

Aufgrund seiner zeitlosen Eleganz steht dieser Sessel sehr häufig in Wartebereichen von Banken oder Anwaltsbüros (Achtung: Klischee!), um den Besitzern Geschmack und Kennerwissen zu attestieren. Explizit für die Nutzung in heimischen Wohnzimmern, gibt es ihn auch in einer „Relax“-Version mit einer Mehrschicht-Polsterung für den bequemeren Sitz. Ebenso ist ein Hocker in passendem Design erhältlich.

Die exklusiven Fertigungsrechte liegen wie beim WASSILY Sessel bei der Firma Knoll International. Somit sind auch im BARCELONA das Knoll Logo und die Unterschrift des Designers Mies van der Rohe eingeprägt. Er kostet ab 6.700 € aufwärts, je nach Ausfertigung.

 

Wir machen einen Sprung von fast 30 Jahren und rüber auf einen anderen Kontinent, in die USA.

  

EAMES LOUNGE CHAIR von Charles & Ray Eames

Design 1956

Dieser Clubsessel in Kombination mit dem Fußhocker war für mich lange Zeit der Innbegriff eines Männerstuhls. Offensichtlich sieht das die Filmbranche genauso, denn in der klassischen Ausführung mit schwarzem Leder bezogen, habe ich ihn schon des Öfteren in Filmszenen in der Wohnung eines Mannes stehen sehen. 

Er besticht durch den Kontrast von einerseits gemütlich und bequem und andererseits gradlinig und geordnet. Sitzfläche, Rückenlehne und Kopfteil sind additiv zusammengefügt und bilden optisch eine ausgewogene Harmonie. 

Der Sessel besteht aus drei gebogenen Schichtholzschalen, die mittels Gummischeiben flexibel lagernd mit dem Untergestell verschraubt sind und so nachfedern können. Die Polsterung ist mit Leder bezogen und einem einfachen Knopfmuster gestaltet. Der Fünfsternfuß aus Aluminium ist drehbar und entweder verchromt oder schwarz lackiert. 

Der Vertrieb in Europa läuft über die Firma Vitra, einem 1950 gegründeten Unternehmen in Familienbesitz mit Hauptsitz in der Schweiz. Vitra stellt den Clubsessel in verschiedenen Farbdesigns und Holzarten überwiegend in Handarbeit her und hat den Anspruch, Materialien zu verwenden, die nachhaltig und recycelbar sind. Je nach Designkombination kostet er inklusive des Hockers ab 6.000 € aufwärts.   

Entworfen und 1956 auf den Markt gebracht wurde der Lounge Chair & Ottoman von dem in Los Angeles lebendem Designerehepaar Charles und Ray Eames. Charles war Architekt und seine Frau Ray war studierte Malerin. Ihre Entwürfe und Interiordesigns sind geprägt von ihrer Zusammenarbeit und der daraus resultierenden Kombination aus künstlerischer Ästhetik und technischen Aspekten. Sie nahmen mit ihren Designs großen Einfluss auf die Moderne der Nachkriegszeit. In den 1950er-Jahren war eine ganze Generation auf der Suche nach Erneuerung, was sich eben auch auf die Wohnkultur und die Einrichtung auswirkte.

Vor allem das skandinavische Design und die Auseinandersetzung mit der Tradition des modernen Stils der 1920er-Jahre nahmen hier eine Vorreiterrolle ein. Ein Vertreter dieser neuen modernen Stilrichtung war Arne Jacobsen, der auch mit Charles Eames in New York zusammen gearbeitet hatte.

 

EGG CHAIR von Arne Jacobsen

Design 1958

Auch genannt das „Ei“ sieht er etwas aus wie die moderne Variante eines Ohrensessels. Genau wie der SWAN Sessel (siehe unten) entwarf ihn Arne Jacobsen für die Lobby des SAS Royal Hotels in Kopenhagen. Es war ein Gesamtauftrag, der sowohl das Gebäude als auch die Inneneinrichtung bis hin zum Besteck im Restaurant beinhaltete. Das abgerundete, organische Design beider Sessel stellt einen Kontrast zu der linearen Formensprache des Gebäudes dar. 

Der Entwurfsstil des dänischen Architekten und Designers Arne Jacobsen ist dem modernen Funktionalismus zuzuordnen. Gestalterisch-ästhetische Ausdrucksformen weichen dem Prinzip „form follows function“ und folgen einer eher sachlichen Nüchternheit, wie einst der von Mies van der Rohe, Le Corbusier und dem Bauhaus-Stil. Jacobsens Formensprache orientiert sich an Klarheit, Geometrie und Material. 

Die Konstruktion besteht aus einer Kunststoffinnenschale, die mit Kaltschaum gepolstert ist. Bezogen ist der EGG CHAIR mit Leder oder Stoff, welcher per Hand vernäht wird, wobei die äußere Haut aus nur einem einzigen Stück besteht. Im Gegensatz zum Ursprungsmodel liegt heute ein Kissen auf der Sitzfläche. Der Sessel ruht auf einem vierarmigen Aluminiumfuß, indem die Seriennummer eingravierte ist, und er ist dreh- und kippbar.

Seit 1935 produziert die Möbelmanufaktur Fritz Hansen alle Sitzmöbel von Arne Jacobsen. Das „Ei“ kostet je nach Bezug ab 6.000 € aufwärts.

 

SWAN SESSEL von Arne Jacobsen

Design 1958

Ebenso wie der EGG besitzt der SWAN keine geraden Linien, sondern nur Kurven und erhält dadurch seinen anmutigen Schwung. Die Konstruktion besteht aus einem Stahlrahmen, teils mit Kunststoff und Glasfaser verstärkter Sitzschale, die mit Kaltschaum gepolstert ist. Der Sessel ist drehbar und sitzt auf einem vierarmigen Aluminiumfuß.

Der anmutige Schwan wird ebenfalls von der Möbelmanufaktur Fritz Hansen hergestellt und kostet je nach Bezug ab 3.400 € aufwärts.

 

 

Was all diese Möbelstücke auszeichnet, ist ihr revolutionäres und avantgardistisches Design. Sie brachten etwas Neues in die Formen- und Designsprache der jeweiligen Zeit. Sie verbinden Form, Funktion und Ästhetik miteinander und veränderten das Interieur nachhaltig ... bis heute.  

Sie sind zeitlos, trotzen jeder neu angesagten Einrichtungswelle und kommen einfach nicht aus der Mode. Ganz im Gegenteil! Ihr materieller und idealistischer Wert steigt im Laufe der Jahre. Sie werden immer teurer und wie Wertanlagen vererbt. Denn aufgrund ihrer guten Verarbeitung und den exklusiven Materialien halten sie eben auch ein Leben lang.

Wahre Eleganz verjährt eben nicht!

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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