21. September 2019

Die feine Englische Art

Geblümt, geknöpft und aufgetischt

 

Mit dem Ausdruck „Die feine englische Art“ verbinden wir in erster Linie eine Umgangsform, die besonders höflich, kultiviert und traditionell ist. Und das ist bis heute so. Wir können es an der Queen und ihrer Familie sehen oder wenn Engländer in London in einer Schlange stehen. Da wird sich nicht vorgedrängelt oder geschupst. Genauso wie bestimmte Umgangsformen gibt es auch bestimmte Möbel und Gepflogenheiten, die typisch englisch sind.

 

Geknöpft sitzen 

 

Das wohl klassischste Sitzmöbel überhaupt ist das Chesterfield-Sofa mit seinem charakteristischen Knopfmuster an Rückenlehne und Seitenteilen. Bevor ich als kleines Mädchen überhaupt wußte, daß Sofas Namen haben können, war mir Chestefield ein Begriff. Schon damals hätte ich aus einer Reihe unterschiedlichster Sofas darauf zeigen können. Tatsächlich beschreibt „Chesterfield“ aber die Gestaltung von Polsterflächen mit Knöpfen und nicht ein Sitzmöbel an sich. Ebenso werden Hocker, Sessel und auch Kopfteile von Betten mit dieser charakteristischen „Kapitonierung“ gestaltet.

 

Englisches Chesterfieldsofa mit typischen Knopfstruktur / Bild: © shutterstock

 

Traditionell diente die „englische Heftung“ der Stabilisierung des Polstermaterials. Vor allem bei senkrechten oder großflächigen Möbelteilen, wie Rückenlehnen und Bettkopfteilen, rutscht dann das Füllmaterial nicht herunter, sodaß sich das Möbel verformt. Ursprünglich in reiner Handarbeit gefertigt, wird der Bezugsstoff in Falten gelegt, die Knöpfe tief in die Polsterung eingezogen und dann am Holzrahmen befestigt. Natürlich gibt es heutzutage auch maschinell hergestellte Kapitonierungen. Die sind aber flacher, weil sie deutlich weniger Füllmaterial haben, und dienen letztlich nur noch der Dekoration. Als Bezug wurde klassischer Weise Leder verwendet. Heute sind der Stoffauswahl keine Grenzen gesetzt.

Weder der Begriff, noch das Herstellungsverfahren sind namentlich geschützt. Ursprünglich in England gefertigt, ist der Namensursprung nicht ganz eindeutig. Zum einen soll der 4. Earl of Chesterfield um 1770 ein Sofa in Auftrag geben haben, das bequem ist und zugleich einen aufrechten Sitz erlaubt. Zum anderen soll es nach ebenfalls einem Chesterfield-Lord benannt sein, der jedoch erst 1889 einen eleganten Herrenmantel mit verdeckter Knopfleiste kreierte.

 

Tragendes Argument

 

Zu den eleganten englischen Stilmöbeln gehört auch der Beistelltisch namens Butler-Tray. Der Clou daran ist, daß er aus zwei Teilen besteht: Einem Untergestell und einer abnehmbaren Tischplatte, deren vier Seitenteile nach oben geklappt werden können. So wird aus einer planen Tischplatte ein Tablett, bei dem beim Tragen nichts so leicht runterrutschen kann. Traditionell sind sowohl Tablett als auch Untergestell aus edlen Hölzern, zum Beispiel Mahagoni oder Eibe. Die Tischplatte ist oval und die Scharniere der Seitenteile sind aus Messing.

 

Klassischer Butler-Tray aus Eibe mit Messingscharnieren. / Bild: © uscreativdesign

 

Bei uns zu Hause gab es auch solch einen edlen Butler-Tray. Und wenn wir Kinder eines wußten, dann daß wir auf gar keinen Fall Kratzer darauf machen durften. Man stellt da auch keine Gläser drauf, die unschöne Ränder machen, sondern es werden Bücher darauf gelegt, die einen schönen Einband haben – nur so, zur Dekoration. Er ist kein kinderfreundliches Möbelstück!

 

It’s Teatime! 

 

Fest steht: Die Engländer haben das Teetrinken nicht erfunden, aber sie haben es kultiviert. Noch heute lädt die Queen unter anderem ihren Staatsbesuch zum Fünf-Uhr-Tee ein. Traditionell wird dieser im Salon zu sich genommen, insofern man einen hat, und nicht schnöde am Küchentisch. Dazu gibt es kleine niedliche Sandwiches und Scones, ein Gebäck, das mit Streichrahm und Konfitüre gegessen wird. Das Ganze wird hübsch angerichtet auf einer Etagere serviert.

 

Der Tee kann auch im Garten zu sich genommen werden. Schön, wenn man Personal hat, das einem alles nach draußen trägt. / Bild: © shutterstock

 

Die Etagere (frz. étagère = „Gestell“) hat mindestens zwei, meist jedoch drei Ebenen und ist seit dem Barock ein beliebter Tischaufsatz für Früchte, Pralinen und Gebäck. Nach süß bis herzhaft getrennt, werden die Häppchen auf den einzelnen Etagen angerichtet. Für eine perfekte Teezeit wird der Tee aus zarten Porzellantassen mit floralem Muster getrunken.

 

Von dreieckigen Sandwiches bis zu süßem Gebäck ist alles da, was das Herz begehrt. Und dazu noch die richtigen Porzellantassen. Perfekt! / Bild: © shutterstock

 

Wer historisch korrekt Tee trinken möchte, hält sich an die Regeln des Traditionsteehauses „Twinings“ in London: Brüht man den Tee in der Kanne auf, kommt die Milch erst in die Tasse und dann wird der Tee eingeschenkt. Läßt man den Tee in der Tasse ziehen, wird erst der Teebeutel oder das Teeei herausgenommen und dann die Milch eingegossen. Mit diesem Wissen können Sie bei der Queen ziemlich punkten.

 

Tischlein deck dich!

 

„Bring das Tafelsilber in Sicherheit“, ist eine klare Ansage, sämtliche Vermögenswerte vor dem Ex-Ehemann, raffgierigen Verwandten oder dem Gerichtsvollzieher zu verstecken. Noch bis heute besteht die Aussteuer einer Braut, beziehungsweise die Liste der Hochzeitsgeschenke, überwiegend aus Geschirr und Besteck. Das junge Paar soll ja schließlich nicht mit Fingern von Plastiktellern essen müssen. Zudem ist ein komplettes Tischservice auch ziemlich teuer in der Anschaffung.

Das „familiäre Tafelsilber“ gehörte einst zum wertvollen Erbe. Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben und wertgeschätzt. In England werden Sie wahrscheinlich kein Herrenhaus oder Lords und Ladies treffen, die so etwas nicht besitzen. Zum Tafelsilber gehört im Grunde alles, was zu einem festlich gedeckten Tisch gehört: Von Geschirr und Besteck über Servierplatten und Kerzenleuchter bis hin zum feinen Milchkännchen. Alles hat denselben Stil oder dasselbe Dekor und ist als „zusammengehörig“ erkennbar; zudem in einer gehobenen Qualität. Besteck und Teller aus dänischen Möbelhäusern kombiniert mit nicht dazugehörigen Suppenschüsseln von Oma sind nicht „Tafelsilber“.

 

„Das hat man so im Hause, falls mal Gäste kommen.“ / Bild: © shutterstock

 

Minimum sollte es für 12 Personen reichen, früher sogar für 36. An Adelshöfen ging’s noch großzügiger zu, wegen der großen Feste. Denn mit dem was aufgetischt wurde, präsentierte sich der Fürst und demonstrierte seine übergeordnete Stellung. Ab dem späten Mittelalter wurden der Besitz von Tafelsilber und das Essen mit Besteck an vielen europäischen Höfen als gehobene Tischkultur angesehen. Umso verwunderlicher sind die Äußerungen von Liselotte von der Pfalz, der Schwägerin König Ludwig XIV.: In einem ihrer Briefe in die Heimat echauffierte sie sich über die rückständigen Tischsitten am Versailler Hof.

Wenn Sie sich also Stil beweisen möchten, machen Sie’s wie die Engländer: Trinken Sie Tee mit korrekt eingeschenkter Milch, sitzen Sie dabei auf einem Chesterfield-Sofa und essen Sie dreieckige Sandwiches.

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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