Ein Mittagessen, ein alter Freund und 

ein flotter Dreier

 

  

Man hält es nicht für möglich, aber diese Geschichte hat sich genauso abgespielt.

Ich traf mich eine Zeit lang relativ regelmäßig mit einem Freund beim Italiener zum Mittagessen. Wir kennen uns nunmehr seit über 20 Jahren, aber während ich meine leckeren Nudeln aß, lernte ich eine mir noch völlig unbekannte Seite von ihm kennen. Und sie gefiel mir nicht! Selten in meinem Leben hat mich jemand derart unverblümt über seine sexuellen Neigungen "informiert" und mich im Zuge dessen zum Sex aufgefordert, wie an diesem Mittag.

Nachfolgend werde ich diesen Freund Frodo nennen, wie Frodo Beutlin. Denn er sieht auch so aus: klein, schmächtig und alles andere als ein Womanizertyp, was sein männliches Selbstbewusstsein noch absurder macht.

Alles fing an wie immer. Ein Bussi zur Begrüßung, sich gemütlich Hinsetzen und ein Mittagsmenü auswählen. Zwischen Mozzarella Caprese und Nudeln all’amatriciana schwenkte unser anfangs normales Gespräch allerdings um in Richtung „Sex“. Ich hatte noch nicht einmal meinen Hauptgang serviert bekommen, da erzählte er mir, dass er seine anderthalbjährige Ehe bereits bereue und eine Affäre mit einer anderen Frau habe, die ebenfalls unzufrieden leiert sei.

Kürzlich sei er abends was trinken gewesen mit besagter Geliebten und seinem, gerade in Scheidung lebenden, besten Freund. Der wiederum hatte auch bereits eine neue Freundin dabei. Allein diese Konstellation von so vielen unzufriedenen Menschen ist schon äußerst bizarr! Während ich mir meine Nudeln nachwürzte, entwickelte sich seine Erzählung nicht minder verschärft. Die Freundin des Freundes, nennen wir sie zur Vereinfachung Madame X, machte Frodo schöne Augen. Vor der Toilette begegneten sie sich „zufällig“ (ja ne, ist klar!) unter vier Augen. Madame X  gab ihm zu verstehen, dass sie an einem One-Night-Stand mit ihm interessiert ist, gern auch inklusive seiner Geliebten. 

Ich blickte von meinem Teller auf, sah ihn verdutzt an und konnte mir ein Entsetztes „Du bist verheiratet und hast schon eine Geliebte nebenher. Und jetzt überlegst du ernsthaft, ob du noch mit der Freundin deines Freundes schläfst?!“, nicht verkneifen. Abgründe sexueller Willkür taten sich da während eines belanglosen Essens vor mir auf. Offensichtlich schläft hier jeder mit jedem, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. „Was sei denn schon dabei? Das ist heutzutage normal!“ war dementsprechend seine Antwort darauf. Ich nahm die verbale Moralkeule in die Hand, verpackte sie mit etwas Watte und schwenkte zurück: „Sei wenigstens deinem Freund gegenüber so loyal und sag es ihm.“ 

An dieser Stelle dachte ich: Es kann nicht mehr absurder werden. Aber ich sollte mich irren! Denn er teilte mir ganz unverblümt mit, dass diese Ehrlichkeit nicht nötig sei. Er hätte ja auch schon einen Dreier gehabt mit seiner eigenen Geliebten und diesem besten Freund. Somit bleibt der Sex mit Madame X also quasi in der Sexfamilie. 

Keine Ahnung, ob mir meine Gesichtszüge entglitten, aber eine derartige Willkür bei der Auswahl seiner Sexualpartner ist mir völlig fremd und fand ich auch äußerst erschreckend. Und ja verdammt in der Hinsicht bin altmodisch, prüde, langweilig ... oder wie man das sonst nennen will. Aber ich denke eine gewisse Selektierung bei der Auswahl der Menschen, mit denen man intim sein möchte, sollte dann doch noch stattfinden! Wenn man alles vögelt, was bei Drei nicht auf’m Baum ist, was hat es dann noch für eine Bedeutung?! 

Nach dieser Offenbarung von Orgien römischen Ausmaßes, und dem Leerkratzen meines Nudeltellers, hätte ich dringend einen Schnaps gebraucht. Da ich aber noch Autofahren musste, bestellte ich nur einen Espresso. Ich war baff und ein bisschen angewidert. Eine Stille breitete sich am Tisch aus und offensichtlich bemerkte Frodo, dass ich zu all dem eine andere Meinung hatte als er. Aber anstatt das einfach so hinzunehmen und zu respektieren, war er sich nicht zu schade, das Ganze noch auf die Spitze zu treiben und mir zu sagen: „Du solltest mal mit mir schlafen, denn das wäre für deine Entwicklung förderlich.“ 

Jetzt hätte ich definitiv  eine Flasche Schnaps gebraucht, aber nicht zum Trinken, sondern um sie ihm über seinen Schädel zu ziehen. Seine Aufforderung empfand ich als eine solche Frechheit und Arroganz, dass ich just in diesem Moment ihn als das sah, was er tatsächlich war: Ein armseliger kleiner Mann, der versuchte, mir mit dieser Geschichte über sein ausgelassenes Sexleben zu imponieren. Doch das Gegenteil war der Fall. Sexuelle Exzesse bei Männern langweilen mich. Für mich ist es alles andere als interessant, wenn man mir erzählt, was für ein toller Hengst man ist, mit wie vielen Frauen man schon geschlafen hat und was da alles „abging“. Es macht unattraktiv, schwach und bedauernswert. Es ist doch so durchschaubar: auf der einen Seite ist es die Unfähigkeit zu wahrer Intimität und auf der anderen Seite will jemand einfach nur eine Lücke in seinem Leben schließen. 

Ehrlicher Weise muss ich zugeben, dass er es für einen Moment wirklich geschafft hatte, dass ich mich und meine Einstellung infrage stellte. Es war aber nur ein kurzer Moment! Jeder muss das für sich selbst entscheiden, aber ich weigere mich, mir sagen zu lassen, es sei normal und ich sollte da „offener“ werden. Was ist schon normal?! So sehr es mich damals geärgert hat, was Frodo zu mir sagte, kann ich heute herzlich mit meiner Freundin darüber lachen. Wir küren jedes Jahr den Satz und das Wort des Jahres. Und „Du solltest mal mit mir schlafen, weil es für deine Entwicklung förderlich sei“, hat es bei den unmöglichsten Sätzen, die ein Mann von sich geben kann, definitiv auf Platz 1 geschafft.

Helena von Rehberg

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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