05. Dezember 2020

„Let’s talk about Sex, Baby!“

von Helena von Rehberg

 

© shutterstock

 

„Hattest du schon einmal einen Dreier?“

„Auf was stehst du beim Sex so?“

„Bist du komplett rasiert?“, und so weiter ... blablabla ...

 

Bereits während des Hauptganges war ich genervt. Der Typ sah gut aus, und er hatte diesen Blick drauf, den, bei dem Frauen gern mal schwach werden. Gut verpackt ist halb verkauft, dachte er sich wohl, denn der geistige Inhalt war wenig vielversprechend. Unsere Gesprächsthemen waren relativ dürftig. „Hübsch, aber dumm“, gilt offenbar auch für Männer. Wir waren noch nicht einmal beim Dessert angelangt, und er quatschte jetzt schon viel zu viel über Sex. Die Wahrscheinlichkeit, daß ich anschließend mit ihm die Kissen zerwühlen würde, sank mit derselben Geschwindigkeit wie eine Bleikugel im Wasser. Es war unser erstes Abendessen. Vorher waren wir nur einmal zur Erstbeschnupperung einen Kaffee trinken. Da hatte er noch den Anstand, weniger direkt zu sein.

Heutzutage wird über fast alles offen und ungehemmt geredet – leider auch über Sex. Es ist sogar erwünscht. Macht man nicht mit, ist man verklemmt. Das Manches dabei auch „zerredet“ werden kann, interessiert offensichtlich kaum noch jemanden. Am Ende weiß dann keiner mehr, was er im Bett tun soll. Man ist eher verwirrt anstatt aufgeklärt. Viel zu viele Möglichkeiten und Anforderungen an den offensichtlich heute praktizierten Sex überdecken die eigenen Wünsche. Auf keinen Fall darf es Blümchensex sein, Mann wie Frau sollte rasiert sein (am Besten komplett wie ein Neugeborenes), Seitensprünge sind dank Tinder unkompliziert zu haben und wehe du findest Swingerclubs ekelhaft, dann kannst du gleich einpacken. Irgendwie scheint es nur noch darauf anzukommen, „prosexuell“ zu sein und alles einmal probieren zu wollen.

Da stellt sich natürlich die Frage, was denn eigentlich guter oder schlechter Sex überhaupt ist? Altmodisch veranlagte Menschen wären bestimmt der Meinung, daß das letztlich für jeden etwas anderes bedeutet. Und bei unseren Großeltern oder Ur-Großeltern galten solche Gespräche als intim und nicht öffentlich. Aber die moppelige Sex-Moderatorin Paula vom Sender SIXX – quasi die Beate Uhse der Neuzeit – will uns ja eines Besseren belehren. Sie redet über sexuelle Vorlieben als seien es Rezepte für Nudelaufläufe. Wer nicht offen darüber reden kann, ist eh verklemmt. Unzensiert bekommt man Einblicke in die Schlafzimmer fremder Menschen, die man besser nicht haben möchte.

Am allerschlimmsten ist aber das holprige Gerede während des Sex. Wenn man seinen Sparringspartner gerade erst kennengelernt hat (dank Tinder ist Spontansex nun auch außerhalb des Bordells möglich), und nichts über ihn weiß, werden gern mal Infos abgefragt. Wozu Zeit verplempern und sich auf den anderen einstimmen. Man will sich eh nicht wiedersehen, also muß es zielorientiert zugehen.

 

Er: „Wie magst du’s denn?“

Sie: „Ist unterschiedlich.“

Er: „Du mußt mir schon sagen, was dir gefällt!“

Sie: „Nein, muß ich nicht! Überrasch mich halt!“

Er: „Woher soll ich denn wissen, was dich anmacht?“

Sie: „Find’s raus. Ich hab’ jedenfalls keine Lust, Anweisungen zu geben, da kann ich’s auch selber machen!“

Er: „Oh geil, dann guck ich zu, das macht mich total an.“

 

Nur Faulpelze und Bubis fragen nach einer Betriebsanleitung. Männer, die keinen Plan haben, sind wie Tiger ohne Streifen. Die meisten Männer sind ja generell eher wortkarg, aber im Bett fangen sie dann das Quatschen an, und zudem verkaufen sie es den Frauen auch noch als hingebungsvolle Selbstaufgabe: „Ich will dir doch was Gutes tun, Baby.“ Ich frag’ mich, ob Frauen, die in dieser Situation brav antworten, einfach nur gnädig sind mit dem unwissenden Subjekt. Vielleicht wollen sie aber auch nur ihre Chancen auf Befriedigung erhöhen? Wahrscheinlich Zweiteres, denn der Tiger darf nicht merken, daß er keine Streifen hat. Eine deprimierte Katze ist ein trauriger Anblick.

Einen Orgasmus vortäuschen, ist die pure Gnade mit dem Mann, damit dessen Ego keinen Schaden nimmt. Aber wozu? Frau muß hier keinen pädagogischen Beitrag leisten. Und dann muß frau auch nicht drüber reden, wie’s besser gegangen wäre. Nur bei Paaren, die sich wirklich lieben und zusammen bleiben wollen, macht reden über Sex Sinn. Vielleicht will man mal etwas anderes ausprobieren, um das Liebesleben aufzufrischen. Aber ansonsten ...? In Zeiten, in denen man mittels einer App Menschen zum Sex aussuchen kann wie in einem Katalog, ist ausprobieren, was der andere mag, nicht angesagt. Es geht ja auch nicht um diese eine bestimmte Person, es geht um jemanden, irgendjemanden. Heute blonde Lisa, morgen brünette Chantal. Es geht um sexuelle Befriedigung und tagesabhängige Lust.

 

© shutterstock

 

Die Filmemacher haben sich mittlerweile auch schon dem „unverbindlichen und schnellen Sex“ angenommen. 2018 kam der Film SAFARI und 2019 RATE YOUR DATE in die Kinos. Leider mußte ich mir beides ansehen. Nicht immer weiß man vorher, was einem da geboten wird. Bei SAFARI ging es um Verabredungen zum Sex – natürlich! – mittels einer App – was sonst! Viele Gäste sind raus gegangen, noch während der Film lief. Die eine Hälfte war wahrscheinlich peinlich berührt, denn der Film hielt genau den Leuten einen Spiegel vor, die diesen belanglosen Sex mit jedermann ausleben. Die andere Hälfte ging wahrscheinlich raus, weil sie genervt war von dieser Stumpfsinnigkeit. SAFARI floppte an der Kinokasse – Gott sei Dank!

Aber man wollte es nochmal wissen und schob ein Jahr später RATE YOUR DATE hinterher. Belangloser Sex per Handy-App war abgearbeitet, also ging es nun darum, Menschen zu bewerten. „Ein Flop im Bett“, „eine Granate“, „guter Liebhaber“, „verspricht nicht, wonach er oder sie aussieht“ etc. ... etc. ... Zumindest hatte dieser Film eine moralische Botschaft. Andere Menschen so bloßzustellen und über deren Funktionalität im Bett zu bewerten, ist das Allerletzte. Ich bin mir nur nicht sicher, ob alle im Kinosaal das verstanden haben.

 

„Kannst du ihn in die Hand nehmen?“

„Dreh dich mal mehr nach rechts. Nein, nicht so weit, wieder ein Stück zurück, ja so ist gut!“

„Wie war es für dich?“

„Bist du gekommen? Kannst es ehrlich sagen!“

 

Aufforderungen, Anweisungen und anschließend noch gelobt werden wollen; wer so etwas will, soll sich einen Welpen kaufen. Ich hingegen möchte keinen Mann loben oder ihm erklären müssen, was er tun soll. Normalerweise wird es der Mann merken, wenn er gut war. Frauen geben dann Signale. Wenn er das nicht weiß, Pech für ihn. Über alles und in jeder Situation zu reden, wird überbewertet. Manchmal will eine Frau einfach überrascht, betört und verführt werden. Und wenn’s paßt, läuft’s eh wie von allein. Wenn nicht, am besten die Übung gleich abbrechen.

„I do not want to talk about Sex, Bubi!“

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


Kontakt

Daniele Ludewig
Helena von Rehberg
contact@bellesophie.com
Postadresse auf Anfrage.


Kontakt aufnehmen.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben.