16. September 2019 

Deutsches Fräuleinwunder, adé!

Bei der Kleidung ist Eleganz und guter Geschmack passé.

 

Wo ist sie hin, die deutsche gut gekleidete Frau? In der Stadt sehe ich nur noch Leggings und Jogginghosen. Im Theater Sportschuhe und T-Shirt. Auf Empfängen kommt frau neuerdings leger statt schick. Und die Männer scheinen sich sowieso aufgeben zu haben! Irgendwie gibt es nur noch völlig überkandidelt à la Fashion-Püppie oder totale Resignation wie bei Cindy aus Marzahn.

 

In Jogginghosen wären diese Frauen niemals außer Haus gegangen. / Bild: © shutterstock

 

Einst prägten die amerikanischen Soldaten den Begriff „Deutsches Fräuleinwunder“. Sie waren erstaunt und beeindruckt, dass die deutschen Nachkriegsfrauen, obwohl sie alles verloren hatten, ordentlich gekleidet waren und sich als „Frauen“ zeigten. Sie gingen nicht in Lumpen oder Schmuddel-Klamotte auf die Straße, sondern machten sich zurecht, mit den wenigen Möglichkeiten, die ihnen blieben. Heute sehe ich davon kaum noch etwas. Auf deutschen Straßen geht es zu wie im heimischen Wohnzimmer. Sie scheinen auszusterben, die Frauen, die ein gesundes Verhältnis zum Ankleiden haben.

 

Zu Gast auf der Rennbahn

 

Neulich habe ich eine Promi-Sendung im Fernsehen angeschaut – Brisant, Exklusiv … irgendetwas in der Art – bei der es um Pferderennen ging. Jedoch war das Thema nicht die Pferderennen an sich, sondern die Kleidung, die dort getragen wurde. Das Fernsehteam begleitete drei Damen, die irgendwo zwischen 50 - 70 Jahre alt waren und gut betucht, auf die Rennbahn in Baden-Baden. Die drei Damen waren natürlich so kleidet, wie ich das erwartet hätte. Auch wenn ich selbst noch nie bei einem Pferderennen war, weiß ich aber trotzdem, wie die unausgesprochene, seit langem existierende Kleiderordnung aussieht: Die Dame trägt ein Kleid, eine kleine Handtasche, und – ganz wichtig! – einen Hut. Bei den Britinnen gibt es alternativ noch den Fascinator. Der Mann hingegen trägt entweder einen Anzug oder eine Kombination aus Sakko und langer Hose, dazu Hemd oder Poloshirt und einen geschlossenen Halbschuh.

 

Pferderennen in Yorkshire: Fascinator anstatt Hut, und alle haben ein Kleid an! // Bild: Mick Atkins / © shutterstock

 

Von all dem sind wir offenbar weit entfernt. Im Laufe dieser Sendung war die Ernüchterung der drei Damen, so wie meiner Wenigkeit, unvermeidbar und auch unübersehbar. Während die drei Damen natürlich „richtig“ gekleidet waren, eroberte eine andere Spezies neuer Besucher die einst elegante Rennbahnszene: Es sind die 30 - 45-jährigen, die offensichtlich mit dem Begriff „Kleiderordnung“ oder „angemessen gekleidet“ nichts anfangen können. Die Frauen latschten in Leggings und Schlabber-T-Shirt über den grünen Rasen. Neben ihnen her schlurften Männer in Sandalen mit Socken – eine absolute Modekatastrophe! – und kurzen Hosen. Und als wenn das noch nicht schlimm genug wäre, hatten sie statt eines schlichten Poloshirts bedruckte, ausgewaschene T-Shirts an, auf denen stand „Abi 1996“, „AC/DC Abschiedstour“ oder „Ich kann immer!“. Ein derartiger Kleidungsstil geht ja schon nicht mehr als leger durch. Nein, das muss als Protest gegen die vermeintlichen Konventionen oder als komplette Abgestumpftheit gewertet werden.

 

Diese Damen sind Vollprofis: Mit einem leichten Sommerhut ist frau beim Pferderennen immer richtig gekleidet. // Bild:  Sergei Bachlakov / © shutterstock

 

„Man kann sich als Frau doch wenigstens ein Kleid anziehen, es muß ja nichts Exklusives sein“ und „ein Hut gehört einfach dazu“, waren sich die drei Damen einig. Stattdessen saß ich nur entsetzt vor dem Bildschirm und dachte: „Jetzt ist es soweit, der Verfall der Bevölkerung zieht sich durch alle Instanzen der Gesellschaft und macht auch nicht vor Baden-Baden halt“. Wieder einmal fühlte ich mich darin bestätigt, dass die Menschen immer mehr alles mit Füßen treten, was an Gebräuchen und Umgangsformen noch existiert. Die einzige Entschuldigung könnte schlicht die Unwissenheit dieser Leute sein, weil es ihn keiner mehr beigebracht hat.

Helena von Rehberg

 

Es mag ja sein, daß eine Leggings bequem ist, weil sie sich um jede Figur drumherum legt. Aber das muß doch nicht immer und überall sein. 

"VERLORENE GEBIETE" - Einkaufsstraßen und Preisverleihungen

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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