30. November 2018

Die Krux mit der Emanzipation

„Eine Frau zu sein, das ist nicht schwer, emanzipiert zu sein, dagegen sehr.“

 

 

Emanzipierte Frauen hat es auf dieser Welt schon immer gegeben. Großartige Frauen, die sich durchgesetzt haben in einer Welt, die von jeher von Männern dominiert wird. Königinnen, die Länder zu Weltreichen ausgebaut haben. Herrscherinnen, die für ihre noch minderjährigen Söhne die Regentschaft übernommen haben. Jungfrauen, die gegen feindliche Truppen in den Kampf zogen. Heute berühmte Frauen, deren Großartigkeit bemerkt wurde, weil sie durch ihre Taten berühmt wurden.

Darüberhinaus gibt es aber noch die unzähligen Frauen, die auch Großes geleistet haben, die aber nicht berühmt geworden sind und deren Taten unbemerkt blieben. Frauen, die bescheiden und großmütig waren und nicht „Hier“ gerufen haben, als es um die Anerkennung für Ihre Leistungen ging. Zum Beispiel Ehefrauen, die ihren Männern den Rücken stärkten, indem sie sie mit Rat und Tat unterstützten. Oder die unzähligen Mütter, die von jeher mit der Erziehung der Kinder und der Fürsorge für die Familie maßgeblich zur Gesellschaftsentwicklung beitrugen. Und Frauen, die auf sich alleine gestellt waren und sich trotzdem im Leben durchsetzten in Zeiten, in denen sie ohne einen Mann an ihrer Seite ein Nichts waren. Die Taten dieser Frauen wurden vielleicht bemerkt, finden aber keine große Anerkennung und gelten schon gar nicht als großartig.

Von jeher gibt es immer wieder Frauen, die sich damit nicht zufrieden geben wollen. Sie kämpfen gegen Vorurteile, vermeintlich geschlechtliche Hindernisse, krempeln die gewohnten Lebensmodelle um und suchen ihren eigenen Weg. Starke Frauen, die sich von gesellschaftlichen Gegebenheiten loslösen und befreien wollen.

 

Das klassische Rollenbild: Der Mann kommt von der Arbeit nach Hause und die Frau steht in der Küche und kocht.

 

In dem „alten“ Gesellschaftsmodell ging der Mann arbeiten und die Frau hat sich um den Haushalt und die Kinder gekümmert. Heutzutage gilt dies offiziell als „überholt“ und wurde regelrecht mit einem Stigma belegt. Aber wie vieles im Leben hat auch dieses Lebensmodell zwei Seiten der Medaille. Bringt der Mann das Geld nach Hause und ist der alleinige Ernährer, ist die Frau zwar finanziell von ihm abhängig, hat aber ausreichend Zeit für Hausarbeit und vor allem die Kinder. Doch genauso wenig wie früher, wird dieser Beitrag zum Familienleben immer noch nicht wertgeschätzt. Stattdessen hat sich das Hausfrauendasein in seiner negativen Betrachtungsweise noch gesteigert und es von Nichtanerkennung zu verpönt geschafft. Frauen müssen sich dafür rechtfertigen, wenn sie „nur zu Hause“ bleiben und sich um ihre Kinder kümmern wollen. 

Überhaupt müssen sich Frauen von jeher damit auseinandersetzen, was für sie gesellschaftlich nicht angemessen zu sein scheint. Jahrhundertelang sollte sie ausschließlich die Rolle der Mutter und Hausfrau übernehmen. Sie sollte eben nicht den Anspruch erheben, arbeiten zu gehen oder etwa bei Wahlen mitzubestimmen. Heute hingegen soll sie arbeiten gehen und berufliche Ambitionen haben. Früher war eine unverheiratete Frau mit Kindern eine gesellschaftliche Katastrophe. Heute müssen sich die Frauen dafür rechtfertigen, wenn sie gar keine Kinder möchten. Und ein anderes Mal war es nur ein schnöder Minirock, der angesichts der vielen nackten Haut zu gesellschaftlicher Empörung führte. Dauernd ist bei Frauen irgendetwas nicht angebracht und sogar verpönt, bei Männern komischerweise nicht. 

Stück für Stück über die Jahrhunderte hinweg haben sich Frauen immer mehr ihre Gleichberechtigung in einer männerdominierten Gesellschaft erkämpft. Sie wollen nicht hinnehmen, daß sie dauernd irgendetwas nicht dürfen oder angeblich nicht können und dadurch die „untergeordnete“ Rolle zugewiesen bekommen. Heute haben die Frauen in den meisten Ländern das Recht, wie die Männer Geld zu verdienen und dadurch unabhängiger zu sein. Das Heraustreten aus dem Schatten des Mannes und das Einsetzen ihrer Fähigkeiten im Beruf (die über Baby wickeln, Wäsche waschen und Spaghetti kochen weit hinaus gehen), führt zu einem immer weiter wachsenden Selbstbewußtsein der Frauen.

 

 

Die Krux

Vom Joker zum Schwarzen Peter

Jetzt dürfen Frauen also arbeiten gehen, „hurra!“, selber Geld verdienen, nochmal „hurra!“, und müssen nicht mehr heiraten, weder aus gesellschaftlichen noch finanziellen Gründen. Wieder „hurra!“ und Joker! Aber sind sie denn jetzt wirklich vollkommen gleichberechtigt?

Aus der neugewonnen Freiheit und der Euphorie über die neue Lebensqualität erfolgt allmählich die Ernüchterung. Denn leider müssen die Frauen erkennen, daß sie durch die dazugewonnenen Rechte auch noch mehr Pflichten haben und erhöhte Anforderungen an sie gestellt werden. Natürlich ist es gut, selbständig und finanziell unabhängig zu sein und sich beruflich ausleben zu können. Aber der Preis für diese Freiheit ist leider der Zwang, der mittlerweile daraus entstanden ist: Denn aus der Möglichkeit, arbeiten zu gehen, wurde die Verpflichtung. 

Zum einen gilt es mittlerweile regelrecht als unselbständig, oder sogar rückwärtsgewandt, wenn eine Frau nicht arbeiten gehen möchte. Und zum anderen reicht heutzutage häufig das Gehalt von nur einer Person gar nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren. Das Modell, daß der Mann der alleinige Ernährer sein kann, ist schlichtweg häufig gar nicht mehr möglich. 

Ist eine Frau also jetzt verheiratet, hat Kinder und geht arbeiten, gibt es da ja noch den Haushalt und die Kinderbetreuung. Und hilft der Mann nicht im Haushalt (es sollte schon über Müllrausbringen hinausgehen!) ist das Resultat eine Doppelbelastung und zwar sowohl körperlich als auch emotional; besonders bei Alleinerziehenden. Denn die Frau ist immer der Zerreißprobe ausgesetzt, ob sie denn genug Zeit für den Beruf, die Kinder und den Haushalt hat. Von Zeit für sich selbst können viele Frauen da nur träumen.

 

Ob Homeoffice die Lösung ist, sei auch dahin gestellt.

 

Die Anforderung an die moderne, zeitgemäße Frau heutzutage ist keine Geringerer als Superwoman sein zu müssen: Sie soll Beruf plus Eheleben plus Haushalt plus Kinder perfekt meistern können und dabei bitte noch entspannt und gut gelaunt sein. Am besten sieht sie dazu noch gut aus, gibt ein gepflegtes Erscheinungsbild ab und ist bitteschön immer manikürt und frisch rasiert (Manche Männer haben echt einen Vogel!). Sie beklagt sich nie über diese Doppel- und Dreifachbelastung, sondern ist dankbar und stolz darauf, daß diese tolle, liberale Gesellschaft es ihr ermöglicht, sich selbst zu ernähren und arbeiten gehen zu dürfen. Daß sie sich mitunter dabei aufreibt und kaputt macht, wird nicht ernst genommen.

Das Problem von jeher ist, daß die Arbeit im Haushalt und mit den Kindern (ich finde den Ausdruck „Arbeit“ in dem Zusammenhang schwierig) nicht wert geschätzt wurde und wird! Mit dem Satz „ich bin Hausfrau und Mutter“ kannst du dir keine Lorbeeren verdienen. Diese Arbeit wird als selbstverständlich abgetan, denn die macht man(n), ääh frau, doch so nebenbei. An dieser Stelle eine Frage an die Männer: Wenn das so nebenbei geht, warum macht ihr es dann nicht öfter mal?

 

„Bitte Frau, sei Superwoman und hab’ alles im Griff!“

 

Die Erkenntnis ist, daß Frauen sich viel mehr anstrengen müssen, weil von ihnen mehr erwartet wird. Und zusätzlich bekommen sie aber weniger Anerkennung. Außerdem gibt es da noch einen Haken an der vollkommenen Gleichberechtigung, der niemals aufgeteilt werden kann: Die Kinder bekommen die Frauen und somit wird immer sie diejenige sein, die zumindest für eine kurze Zeit im Beruf eine Auszeit nehmen muß. Und sie hat auch die mütterlichen Gefühle, die eine Frau mehr als einen Mann ziemlich in die Bredouille bringen können. Womit wir beim Schwarzen Peter der Emanzipation wären.

Ist Frau nämlich mittags nicht zu Hause, um Essen zu kochen für die Kinder, ist sie eine Rabenmutter. Ist sie aber da, ist sie entweder „nur“ Hausfrau oder hat „nur“ einen Halbtagsjob, engagiert sich nicht genug für den Beruf und verdient weniger. Und so lebt sie zusätzlich zu der Doppelbelastung, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen, auch noch in der Gefahr, in die Armut abzurutschen, sollte sie sich scheiden lassen oder als Alleinerziehende arbeitslos werden. Von der niedrigen Rente durch geringere Einzahlungen ganz zu schweigen.

Im Grunde ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein Gordischer Knoten. Eine 100%ige Gleichstellung wird es wahrscheinlich niemals geben können. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Emanzipationswelle, in der die Frauen darauf pfeifen, welche großen und gesellschaftlichen Erwartungen an sie gestellt werden. Sie sollten endlich wirklich frei entscheiden, was sie selbst wollen, ohne sich rechtfertigen zu müssen; und egal ob sie Hausfrau, Karrierefrau oder irgendwas dazwischen sein wollen.

Daniele Ludewig

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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