21. März 2018 

DER DRESDNER ZWINGER

Höhepunkt des deutschen Barock

 

Der Dresdner Zwinger ist eines der bedeutendsten Baudenkmale Deutschlands. Gebaut im italienisch-süddeutschen Stil gilt er als Höhepunkt des deutschen Barock und ist zeitlich der Übergang zum Rokoko.

Das gestalterische Ausdrucksmittel des Barock ist ein allumfassendes Prinzip und wird am Dresdner Zwinger deutlich sichtbar: Architektur, Skulptur und Malerei fließen ineinander über und werden zu einem Gesamtkunstwerk. Skulpturen verschmelzen mit Pilastern und Dekore verzieren die Fassade. Würde irgendwo eine Putte auf der Balustrade fehlen, entstünde sofort eine störende Lücke. Es sind vor allem die kunstvollen, bildhauerischen Arbeiten und die allegorischen, verspielten Details, die diese Anlage so beeindruckend machen. Diese stark plastische, dreidimensionale Fassadengestaltung und die Bewegtheit der Figuren sind ebenfalls wesentliche Merkmale der Baukunst jener Epoche.

Nicht zuletzt ist der Dresdner Zwinger ein Ausdruck der für dieses Zeitalter prägenden Selbstdarstellung und Repräsentation der amtierenden Herrscher. Gebäude sollten die Größe, Herrlichkeit und Macht von Staat und Kirche demonstrieren, um deren Absolutismus zu rechtfertigen.

 

Blick von außerhalb auf den Zugang: Die Langgalerie mit dem Kronentor stehen auf der ehemaligen Festungsmauer. / Bild: pixabay

 

Der Name "Zwinger" bezieht sich jedoch nicht auf einen Tierzwinger, sondern rührt von seiner ursprünglichen Bedeutung her. Im Mittelalter bezeichnete „Zwinger“ den Teil der Befestigungsanlage einer Stadt, der zwischen der äußeren und der inneren Festungsmauer lag. Man versuchte hier quasi den Feind zu „bezwingen“.

Der Zwingerbau grenzt auf westlicher Seite an eben diese ursprüngliche Festungsmauer. Das Militär riet seinerzeit von der Bebauung des Walls aus Sicherheitsgründen ab. Im Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) und in der Schlacht um Dresden gegen die Truppen Napoleons (1813), zeigte sich dann auch das Verhängnis dieser Entscheidung. Dresden verlor und Napoleon ließ den Graben sogar zuschütten, um Dresden die Wehrfähigkeit zu nehmen. Der heute wieder hergestellte Wassergraben und ein Teich rückseitig der Anlage sind Überbleibsel dieses alten Festungsgrabens.

 

Stadtplan von 1750 mit umgebender Befestigungsanlage. Im linken oberen Bereich befindet sich der Dresdner Zwinger. (siehe Markierung) / Kolorierter Kupferstich / Bild: © gemeinfrei, Bearbeitung: Daniele Ludewig

 

In Auftrag gegeben wurde der Bau von Kurfürst Friedrich August I., genannt „August der Starke“. Der barocke Lebemann wünschte sich eine Orangerie für seine südländischen Pflanzen. Noch in der Entwurfsphase verlangte er die Erweiterung zu einer repräsentativen Anlage für seine ausschweifenden Feste und Turniere. Er beauftragte 1709 den in seinem Dienst stehenden Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann mit diese umfassenden Aufgabe. In enger Zusammenarbeit mit dem Hofbildhauer Balthasar Permoser sollte der Dresdner Zwinger für beide ihr wichtigstes Bauwerk werden.

Die Architektur des Barock ist gekennzeichnet durch große Ausmaße, lange Achsen, die die Stadtplanung miteinschließen, und der Symmetrie der Baukörper. Und so war auch der Zwinger als großzügiger Vorhof zu einem neuen Schloss geplant. In Form eines Gartens mit Orangerie sollte dessen Ausweitung bis an die Elbe heranreichen. Dieser Entwurf kam so nie zur Ausführung. Stattdessen blieb die Anlage zur Elbe hin lange Zeit unvollendet und wurde zeitweise mit einem Holzbau geschlossen. Erst rund 150 Jahre später sollte die Zwingeranlage mit der Gemäldegalerie von einem anderen Baumeister endgültig vollendet werden, die dementsprechend stilistisch von dem „alten“ Bauabschnitt abweicht.

 

Luftaufnahme Dresdner Zwinger und Umgebung / Bild: © Schlösserland Sachsen, Bildquelle: Der-Dresdner-Zwinger.de

 

In der Luftaufnahme ist die Symmetrie der Anlage klar zu erkennen. Grundlage ist eine Omega-Form, bestehend aus gebogenen Galeriebauten und je zwei angrenzende Saalbauten, die zur gegenüberliegenden Seite hin gespiegelt wurden. Geschlossen wird die Anlage durch die geradlinigen Seitenteile. Alle vier Zugänge in die Anlage liegen sich in einer Achse gegenüber. Die Gesamtbreite des Omega-Ensembles gibt den Abstand zum gegenüberliegenden Gebäudeteil vor. Dadurch entsteht mittig ein Quadrat, eine in sich ausgeglichene Form, die die Gesamtanlage harmonisiert.

Gebaut ist der Zwinger mit sächsischem Sandstein. Die Bauarbeiten dauerten von 1709 bis 1728; in den Bildhauerarbeiten teilweise sogar noch bis 1732. Begonnen wurde mit dem Gebäudeteil auf der Wallseite. Daran anschließend die Langgalerie auf der Festungsmauer entlang des Wassergrabens mit Kronentor. Später folgte stadtseitig das Pendant zur Wallseite mit den spiegelgleichen Saalbauten und den Bogengalerien mit Pavillon.

Während der laufenden Bauarbeiten stand 1719 die Vermählung von Augusts Sohn mit der Tochter des österreichischen Kaisers an und so musste der Zwinger für das große Hochzeitsfest zwischenzeitlich zügig fertiggestellt werden. Und so wurden die unvollendeten Gebäudeteile auf der Stadtseite und die komplette Elbseite (heute Gemäldegalerie) vorübergehend in Holz gebaut. Der stadtseitige Gebäudeteil wurde nach den Feierlichkeiten in Stein gebaut, während die Elbseite bis zum Bau der Gemäldegalerie von Gottfried Semper um 1850 als Holzbau verblieb.

Eine voreilige Fertigstellung von Bauteilen in minderwertiger oder provisorischer Ausführung war im Barock nicht unüblich. Entweder ging das Geld aus, Planänderungen sollten einfließen oder die Bauphase verkürzt werden, da der Bauherr die Fertigstellung noch erleben wollte. Denn der „Ichkult“, der dem barocken Herrscher inne ist, beinhaltet natürlich berechtigte Zweifel, ob der Nachfolger nicht ebenso egozentrisch ist und anstatt das Gebäude fertig zu stellen lieber eigene, neue Akzente setzen wird. Deshalb sind die Bauzeiten im Barock verhältnismäßig kurz im Vergleich zu früheren Jahrhunderten.

 

Wall- und Glockenspielpavillon

im Scheitel der Bogengalerien.

 

Blick auf den Wallpavillon (mittig), die angrenzenden Bogengalerien und die Saalbauten. Links „Mathematisch-Physikalischer Salon“ und rechts „Französischer Pavillon“. / Bild: shutterstock.com

 

Das Gebäudeensemble auf der Wallseite, das besagter Omega-Form entspricht, besteht aus Wallpavillon und Bogengalerien, die in zwei Saalbauten münden. Rückseitig liegt es im Erdreich und ist der Teil der Anlage, mit dem baulich begonnen wurde. Dahinter liegt die kleine Grünanlage mit Teich.

Im oval geformten Wallpavillon befindet sich eine mehrfach die Laufrichtung ändernde Treppenanlage, die mit Brunnen gestaltet ist. Die Treppen führen hinauf auf den Wall und die Dachterrassen der Bogengalerien. Der Festsaal im Obergeschoß ist nur rückseitig vom Wall aus zu erreichen.

 

Blick auf den Wallpavillon von der Bogengalerie aus. Dahinter befindet sich der Wall mit Grünanlage und Teich. Links eine der Putten, die die umlaufende Balustrade schmücken. / Bild: shutterstock.com

 

Vis-à-vis des Wallpavillons liegt achsensymmetrisch angeordnet der architektonisch spiegelgleiche Glockenspielpavillon mit den ebenso angrenzenden Bauten. Diese beiden ovalen Pavillons werden auch „Scheitelpavillons“ genannt, da sie mittig der Bogengalerien liegen. Die baugleichen Gebäudeensembles unterscheiden sich nur in den Bildhauerarbeiten voneinander, wie beispielsweise den Symbolen oder den Götterfiguren.

Der Glockenspielpavillon liegt auf der der Stadt zugewandten Seite und hat einen ebenerdigen Durchgang in die Zwingeranlage, sowie zwei halbrunde, symmetrisch angeordnete Treppen, die in die Bogengalerien führen. Ursprünglich Stadtpavillon genannt, kam er zu seinem jetzigen Namen erst nach 1930, als man anlässlich der Dresdner Hygieneausstellung ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan angebracht und nicht wieder entfernt hatte. Allerdings war bereits in den Plänen des Baumeisters M.D. Pöppelmann hier ein Glockenspiel vorgesehen. Die Dresdner hatten also letztlich nur die ursprüngliche Planung endlich vollendet.

 

Glockenspielpavillon mit reichhaltigem Bildhauerwerk, Glockenspiel aus Porzellan und Monumentaluhr. Oben unter dem Dach die gekreuzten Kurschwerter Sachsens, die auch zum Markenzeichen des Meißner Porzellans wurden. / Bild: pixabay

 

Beide Scheitelpavillons sind plastisch reich ausgeschmückt, haben einen ovalen Grundriss und sind zweigeschossig. Die Rundbogenfenster sind nach oben hin mit einem Schlussstein, in Form von floralem Rankenwerk und einer Kopfgestalt, verziert. Erd- und Obergeschoß werden durch ein durchlaufendes Gesims (= hervortretende, waagerechte Streifen zur Betonung der Horizontalen) gegliedert. Im Obergeschoß wird zum Kupferdach hin dieses Stilelement übernommen, jedoch ist es durch die Fensterbögen unterbrochen.

Nach oben hin werden beide Scheitelpavillons mit einer Wappenkartusche (= Zierrahmen um ein Wappen) mit Rollwerk (= Beschlagwerk in eingerollter Form), der polnischen Königskrone und einem Volutengiebel (= schneckenförmiges Bauglied) bekrönt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Fassadengestaltung der beiden Scheitelpavillons. Die Pilaster (= Wandpfeiler mit statischer oder auch nur gliedernder Funktion) sind als das Fabelwesen Satyr dargestellt und unterstützen in ihrer Körperbewegung und der ausgeformten Muskulatur die tragende Funktion des Bauteils.

 

Satyrherme* am Scheitelpavillon. / Bild: Daniele Ludewig  (auf das Bild klicken, um direkt zum Artikel „Permosers Meisterwerke“ zu kommen)
*Als Herme werden speziell die Pfeiler (sowohl in die Fassade eingebundene als auch freistehende) bezeichnet, die mit Kopf und Schultern ausgeformt sind.

 

Bogengalerien

 

Blick auf die Bogengalerie, in der sich die Porzellansammlung befindet. Sockelgeschoß mit „Faun“-Figuren unter den Fenstern, zwischen den Bogenfenstern Pilaster mit Volutenkapitell, Verzierung mit Quasten und Stoffdrapierung. / Bild: Daniele Ludewig / bellesophie.com

 

Die Bogengalerien sind eingeschossige Arkadenbauten, die als Orangerie zur Überwinterung der südländischen Gewächse dienten. Damals galt es als chic, Pflanzen aus anderen Ländern zu besitzen. Die Gewächse standen in Kübeln auf dem vorgelagerten Plateau entlang der Galerien und innerhalb des Zwingerhofs verteilt. Dadurch, dass die Bäumchen in Kübeln standen, konnten sie auf flache Wagen gestellt und in die Orangerien „gerollt“ werden. Eine Idee, die sich der damalige Hofgärtner von Versailles einfallen ließ. Selbstverständlich waren die Kübel in Dresden aus Meißner Porzellan, dem „Weißen Gold“ Sachsens.

Die bogenförmigen Fenster erheben sich oberhalb des Sockelgeschosses und ließen das Sonnenlicht in den kalten Monaten wärmenden durchscheinen. In der Mitte der Fensterbrüstung befindet sich jeweils eine Konsole, die mit dem Fabelwesen des Faun verziert ist. Die begehbaren Terrassen auf dem Dach der Bogengalerien sind durch eine „Balustrade“ (= Geländer mit bauchigen Säulchen) zu den Seiten hin begrenzt. Die Balustrade ist von „Postamenten“ (= stützender Sockel) gegliedert, auf denen Putten und Vasen stehen.

 

Die vier Saalbauten

 

Saalbau mit Ausstellungsräumen: Hier der „Mathematisch-Physikalische Salon“, der die Langgalerie mit Kronentor zur Linken mit der wallseitigen Bogengalerie zur Rechten verbindet. // Bild: Mikluha Maklai / shutterstock.com
 

Die vier Saalbauten verbinden die gebogenen mit den geradlinigen Bauelementen. Sie flankieren den quadratischen Innenhof an den vier Ecken und können daher auch als Eckpavillons bezeichnet werden. Hofseitig ist allen eine Terrasse mit einer zweiläufig geschwungenen Freitreppe vorgelagert. Das flache Steigungsmaß lässt hier keine Eile zu, denn auf den Treppen des Barock pflegte man in opulenten Roben mit dem Fächer wedelnd hinauf oder hinab zu „schreiten“.

 

Treppenaufgang zum Porzellanpavillon. / Bild: Velishchuk Yevhen / shutterstock.com

 

Die „Arkaden“ (= Fensterbögen) der Bogengalerien ziehen sich nahtlos in die Erdgeschoßfassade der Saalbauten bis zur Langgalerie durch. Aus dem Erdgeschoß erhebt sich das Obergeschoß. Dadurch, dass die Fassadengliederung mit den Arkaden im oberen Geschoß eins zu eins übernommen wurden, wirken die Saalbauten einerseits als harmonisches Verbindungsglied und anderseits aber durch die Erhöhung doch auch als homogene Baukörper.

 

Die durchlaufenden Arkadenfenster von Bogen- bis zur Langgalerie verbinden die Bauelemente. / Bild: Claudio Divizia / shutterstock.com

 

Dieses Ineinanderfließen aller Bauelemente, deren Vereinigung zu einem Ganzen und die dadurch entstehende Harmonie zeigt ein weiteres wesentliches Merkmal des barocken Baustils. Auch hier ist es wieder nur der Blick auf die Details der Bildhauerarbeiten, die jeden Pavillon unterscheiden.  

Leider werden die Arkaden, sowie generell die Geschoß- und Fensterhöhen, an dem später angefügten Semperbau nicht fortgeführt und die Symmetrie der Fassade wird an diesem Übergang gestört.

 

Übergang zum Semperbau und dem gestalterischen Bruch. / Bild: pixabay

 

Innerhalb der Saalbauten befindet sich in beiden Etagen ein Saal, der den kompletten Grundriss einnimmt und von allen Seiten Licht bekommt. Hier befanden sich Spiel-, Speise- und Festsäle, sowie auch bereits Ausstellungsräume für die Kunstsammlungen des Kurfürsten.

Die Säle hatten eine aufwendige und kostbare Ausstattung. Sie waren mit sächsischem Marmor getäfelt und jeder besaß ein Deckenfresko. Ein Saal war sogar als Grottensaal ausgebaut. Die Brunnen mit Wasserspielen dienten der Belustigung der höfischen Gesellschaft. Leider wurde er in einem der Kriege, die Dresden heimsuchten, zerstört und nicht wieder aufgebaut. Er wurde anschließend ebenfalls zur Ausstellungsfläche umgestaltet.

 

 

Saalbau Obergeschoß: Marmorsaal mit Deckenfresko / Bild: sachsen.schule

 

 

Das Nymphenbad

 

Auf der Rückseite des „Französischen Pavillons“ befindet sich das Nymphenbad, was entgegen des Namens kein Bad ist, sondern eine Brunnenanlage mit Wasserspielen.

 

Nymphenbad auf der Rückseite des „Französischen Pavillons“. / Bild: shutterstock.com

 

Das Nymphenbad ist entweder vom Wall aus über die beiden leicht versteckten Treppen neben der Kaskade (= Wasserfall mit Stufen) zu erreichen oder durch das Erdgeschoß des Pavillons. Eingebettet in das Erdreich des Walls wirkt es wie eine kleine, versteckte Oase mit dem Himmel als Decke. Auch dies entspricht wiederum dem Barock, nämlich der Philosophie, alles bis in die Unendlichkeit zu führen.

Mit dem Bau des Nymphenbades wurde bereits 1711 begonnen und auch hier ist wieder die phantasievolle Gestaltung des Bildhauers Permoser zu bewundern. Ganz im Sinne von Wasser und Brunnen greift alles das Thema Meer und Unterwasserwelt auf. Überall an den Wänden und Säulen finden sich grottenartige Ornamente, lebensgroße Nymphenstatuen mit Seerosen, Delphinen und Fischen, sowie Meeresgötter aus der griechischen und der römischen Mythologie sind hier vielfältig dargestellt.

 

Langgalerien mit Kronentor

 

Blick auf die Außenanlage des Zwingers entlang des Wassergrabens und der Langgalerien mit Kronentor. Im Vordergrund rechts ist der Porzellan-Pavillon zu sehen. / Bild: shutterstock.com

 

Die Langgalerien mit dem Kronentor wurden von 1714 bis 1718 erbaut. Sie stehen auf der alten Festungsmauer und begrenzten den inneren, schutzbedürftigen Teil der Stadt nach außen hin. Über den Wassergraben führt eine weder baulich noch optisch zu dem Prachtbau passende Holzbrücke. Bereits damals war die Brücke in Holz gebaut, da sie so im Falle eines Angriffs schneller abgerissen werden konnte. Konsequenter Weise wurde sie deswegen auch genauso wieder rekonstruiert.

An der Fassade der Langgalerien werden die Arkadenfenster innen wie außen konsequent fortgeführt. Zur Hofseite hin ist der Sockelbereich mit Brunnenanlagen gestaltet, die auch wieder mit reichlich Figuren und Dekoren verziert sind.

 

Blick auf hofseitige Fassade der Längsgalerie mit reicher Verzierung: Pilastern mit Volutenkapitell, verkröpftes Gesims, Verzierung mit Quasten und Stoffdrapierung, Brunnenanlage vor jedem zweiten Arkadenfenster. / Bild: shutterstock.com

 

Der Zugang in die Zwingeranlage führt über die Holzbrücke durch das aufwendig gestaltete Kronentor. Das zweistöckige Portal misst eine Höhe von 36 m und wirkt trotzdem zierlich und filigran. Diese Leichtigkeit trotz der Abtragung großer Lasten ist typisch für die Barockarchitektur Sachsens, dem sogenannten „Augusteischen Barock“, und ist in Dresden auch an anderen Gebäuden jener Epoche zu erkennen.

Auch am Kronentor lässt sich wieder die enge Zusammenarbeit von Architekt und Bildhauer besonders gut ablesen. Die konstruktiven Bauteile werden auch hier zu Zierelementen umgestaltet. Lastabtragende Wände werden durch Nischen mit Skulpturen in ihrer Masse aufgelöst und Säulen und Pilaster sind durch reiches Schmuckwerk verziert.

Das durch große Rundbögen nach allen vier Seiten hin sehr offen gestaltete Durchgangstor tritt im Erdgeschoß leicht aus der Fassadenflucht der Langgalerien hervor. Im Obergeschoß nimmt es stattdessen die Flucht der Balustrade auf.

Alle Durchgänge sind flankiert von Säulen und Pilastern, die ein verkröpftes (= mehrfache, waagerechte, hervortretende Streifen) Gesims tragen. Nach oben hin sind alle Rundbögen mit gesprengten (hier: gegenläufig) Segmentgiebeln (= Halbkreis, in der Mitte geöffnet) und mit Schlussstein in Form eines Kopfes abgeschlossen.

 

Kronentor auf der Langgalerie. Durchgang wird flankiert von Säulen, Rundbogen nach oben abgeschlossen mit Segmentgiebel und Schlussstein in Form eines Kopfes. Zusätzlich noch Giebelbekrönung mit Vase. / Bild: shutterstock.com

 

Nach oben auf die Galerien und ins Obergeschoß des Kronentors gelangt man nur über den langen Weg durch den Wallpavillon und über den Wall. Auch im Obergeschoß finden sich gesprengte Segmentgiebel oberhalb der Rundbögen wieder, die verziert sind mit Köpfen, Wappen und königlichen oder kurfürstlichen Symbolen. Darüberhinaus bekrönen zahlreiche Figuren und Vasen ringsherum die Attika (= niedrige Wand über dem Hauptgesims/Dachbereich). 

Der Turmhelm besteht aus einem „vermittelten“ Zwiebeldach, welches mit vergoldetem Akanthusblattwerk verziert ist. Auf der Spitze umringen vier Adler die polnische Königskrone; auch alles vergoldet. In seiner reichhaltigen und pompösen Ausstattung demonstriert das Kronentor eindrucksvoll die polnische Königswürde, die August seit 1697 inne hatte.

 

FAZIT

Der Zwinger, wie er oft schlicht bezeichnet wird, gilt nicht zu Unrecht als ein Meisterwerk und Ausdruck großer, barocker Baukunst. Man kann unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob es einem gefällt oder nicht. Über Geschmack lässt sich eben nur schwerlich streiten. Ich empfinde ihn als ein wundervolles Gebäude, was auch daran liegen könnte, dass ich ein Faible für historische Bauwerke habe. 

Das einzige, was mich von jeher etwas stört, ist der nachträglich angebaute Semperbau, der nicht nur im Baustil variiert, sondern auch die angrenzenden Saalbauten überhöht. Durch die Überhöhung erdrückt er sie und grenzt sich zusätzlich durch eine eigenständige Fassadengliederung eines anderen Baustils vom restlichen Zwingerbau ab. 

Die drei „alten“, sprich die barocken Gebäudeteile des Dresdner Zwingers, sind wie „aus einem Guss“, währenddessen ich persönlich den Semperbau im Stil der Renaissance als angefügten Solitärbau empfinde. In sich betrachtet finde ich ihn zwar ebenfalls schön, aber leider bringt er ein Ungleichgewicht in die ansonsten harmonische, barocke Anlage.

 

„Man kann nicht leicht etwas Schöneres und Prächtigeres sehen als den neuen Dresdner Zwinger – oder Schlossgarten .....“

Johann Michael von Loën / 1723 (Diplomat und Goethes Großonkel)

 

 

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Rekonstruktion im Sinne des kulturellen Erbes

Nach seiner starken Zerstörung im 2. Weltkrieg wollte die kommunistische Stadtregierung den Dresdner Zwinger sprengen, da eine Sanierung aufgrund der erheblichen Schäden nicht möglich schien. Gottseidank kam es nicht dazu und der Zwinger wurde bis 1963 wieder aufgebaut und teilweise rekonstruiert. Diese Entscheidung löst bis heute Diskussionen aus, ob das in so einem großen Umfang überhaupt gemacht werden sollte und ob es denn dann noch Denkmalschutz sei.

Ich finde „ja“, das sollte man in einem solchen, historisch wertvollen Fall machen. Es wäre ein großer Verlust, nicht mehr durch die Anlage schreiten und seine barocke Pracht nicht mehr erleben zu können. Zumal hätten die hier untergebrachten und ebenso historisch wertvollen Sammlungen an keinem angemesseneren Ort ausgestellt werden können.

Bereits 1728 hatte „August der Starke“ entschieden, nicht nur seine ausschweifenden Feste im Zwinger zu feiern, sondern aus dem Prachtbau ein „Palais des Sciences“, einen Palast der Wissenschaften, zu machen und verlegte damals schon einen Teil seiner beeindruckenden kurfürstlichen Sammlungen sowie eine Bibliothek in den Dresdner Zwinger. Derzeit werden hier drei der bedeutendsten Kunstausstellungen Europas ausgestellt:

Im Mathematisch-Physikalische Salon und den angrenzenden Arkadengalerien befindet sich eine der ältesten Sammlungen mathematisch-technischer Instrumente. Begründet 1730 von August selbst, beinhaltet sie um die 1000 Geräte aus circa 500 Jahren Feinmechanik.

Ebenfalls vom Kurfürsten selbst wurde 1717 die Porzellansammlung angelegt. Ursprünglich im Japanischen Palais untergebracht, befindet sie sich seit 1962 im Dresdner Zwinger. Sie gilt europaweit in ihrer Größe und Schönheit als einzigartig. 

In dem um 1850 angebauten Galeriegebäude von Gottfried Semper werden die Gemälde der „Alten Meister“ ausgestellt. Auch diese von August dem Starken begonnen, wurde sie von seinem Sohn stetig weitergeführt. Die Gemälde hingen seit 1747 ursprünglich im Johanneum. Der Semperbau sollte der umfangreichen Sammlung einen großzügigeren Rahmen geben. 

 

Und so werden die Räume des Zwingers heute gemäß ihrer Bestimmung folgend als Museum genutzt und der Innenhof gemäß des eigentlichen Planungsgrundes als Ort für Feste und Konzerte.

  

 Daniele Ludewig

 

Quellen:

Lindemann/Boekhoff: „Lexikon der Kunststile“, Reinbek, 1990

Wilfried Koch: „Baustilkunde“, 1993

Rolf Toman (Hrsg.): „BAROCK – Architektur, Skulptur, Malerei“, Potsdam, 2015

metropole-dresden.de

mathematisch-physikalischer-salon.skd.museum

der-dresdner-zwinger.de

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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