10. März 2021

Im Korsett der Moderne

Bauten der Geschichtsvergessenheit

von Daniele Ludewig

 

Architektur bildet unseren Lebensraum. Hierbei spielt es keine Rolle, ob wir uns im Gebäude oder auf der Straße befinden. Sie umgibt uns allgegenwärtig. Es sollte daher oberste Priorität sein, „wie“ diese Architektur aussieht, denn sie wirkt intuitiv auf unser Unterbewußtsein.

Ein Veto gegen die uninspirierte und identitätslose Bauweise unserer Zeit.

 

In schwarzweiß und mit polierter Fassade sieht es imposant aus, aber in Echt und in Farbe? / Bild: © pixabay, Bearbeitung: Daniele Ludewig

 

Im Januar 2018 titelte Die Welt: „Des Deutschen liebstes Baudenkmal ist das Fachwerkhaus“. In einer repräsentativen Umfrage für einen Immobilienunternehmer stellte sich heraus, daß die Bundesbürger offenbar ein Faible für historische Bebauung haben. An der Spitze lag das Fachwerkhaus, gefolgt von Lofts in alten Fabrikanlagen und Altbauten aus der Gründerzeit. Das Schlußlicht bildete mit gerade einmal 10 Prozent Zustimmung der Bauhausstil. Warum also wird diese nüchterne und identitätslose Architektur immer noch so hochgejubelt und dient bis heute als Grundlage für modernes Bauen, ist sie doch mittlerweile auch schon einhundert Jahre alt? 

Für mich persönlich ist das Ergebnis dieser Umfrage eine innerliche Befriedigung. Zugleich enttäuscht es mich, daß so viele Menschen sich nach einer Bebauung in historischem Stil sehnen, dieser Sehnsucht aber seitens der Bauentscheider und Architekten nur widerwillig nachgegeben wird. Wenn der Deutsche das Fachwerkhaus oder das klassizistische Gebäude will, sollte er das auch bekommen oder zumindest eine architektonische Anlehnung daran. Wieso entscheidet eine kleine Elite, was alle haben sollen, aber offensichtlich die Mehrheit gar nicht möchte?

 

Langweilige, identitätslose Bebauung in Berlin Friedrichstadt / Bild: © pixabay, Bearbeitung: Daniele Ludewig

 

Was war das beispielsweise für ein Theater mit dem Wiederaufbau der Neuen Frankfurter Altstadt. „Was heute gebaut wird, dürfe auch nur in modernem Stil gebaut sein“ und „vorkriegszeitlich wiederaufgebaute Gebäude seien geschichtsverleugnend“, hieß es von den Gegnern dieses Großprojektes. Doch die Stadt Frankfurt hat dieses Polemik ignoriert und ihr Bauvorhaben durchgezogen. Herausgekommen ist ein gelungener Kompromiß aus rekonstruiert historischen Gebäuden und Neubauten in modernem, aber angepaßtem Stil. Beides fügt sich hier gut zusammen und respektiert sich gegenseitig. Die Frankfurter sind sehr zufrieden und zudem ist es ein Touristenmagnet.

 

Rekonstruierte Bauten in der Neuen Frankfurter Altstadt / Bild: © Daniele Ludewig

 

Es ist also möglich, Architektur so zu gestalten, daß sie die Zustimmung der Bürger bekommt und vielleicht auch die Herzen derjenigen erreicht, die sich nach Vertrautem und Heimischem sehnen. Denn jedes historische Gebäude, von der Burg übers Schloß bis zum Fachwerkhaus, ist ein wesentlicher Teil der Identität und der Geschichte eines Landes und dessen Bevölkerung. Es verkörpert die Entstehung einer Nation, einer Gegend oder eines Volkes. Genau an diesem Punkt fängt es an, emotional und politisch zu werden, was die Sache mit dem Bauen und dem gewählten Stil unglaublich schwierig macht. Doch umso mehr sich die Welt globalisiert, desto mehr scheinen sich die Menschen offenbar nach lokaler Identität und individuellen Bezugsmöglichkeiten zu sehen. Und in Architektur manifestiert sich das nun mal und drückt sich optisch aus. Mittlerweile steht doch in jeder Stadt der gleiche universale Einheitsbrei von nichtsagender Identitätslosigkeit, bedrückender Plumpheit und trostloser Eintönigkeit. Man kann die Städte doch teilweise gar nicht mehr auseinander halten. Und so wird der Ruf nach Wiederherstellung von zerstörter Baukultur, wie sie Deutschland einst prägte, immer lauter. Also warum dem nicht nachgeben?

 

 Billige Schlichtheit der Nachkriegsbebauung

 

Durch die großflächige Zerstörung der Bebauung während des Zweiten Weltkrieges unterlag der anschließende Wiederaufbau Deutschlands im Wesentlichen zwei Kriterien: Es mußte schnell gehen, da dringend Wohnraum benötigt wurde, und es durfte nicht viel Kosten, denn es war kein Geld da. Dementsprechend schlicht, schnörkellos und nichtsagend sieht die Nachkriegsbebauung auch aus, und war letztlich eher ein Neubau denn ein Wiederaufbau.

Die Frage, in welchem Stil gebaut werden sollte, sofern man von einem Stil sprechen kann, dessen Kriterium auf billiger Schlichtheit beruht, war schnell gefunden: Die Sachlichkeit und zweckbetonte Nüchternheit der Klassischen Moderne der 1920er Jahre. Inklusive all ihrer Strömungen – Neue Sachlichkeit, Neues Bauen und Internationaler Stil – heute im Allgemeinen als Bauhausstil bezeichnet. Die Modernisten stürzten sich regelrecht auf das zerstörte Deutschland, um ihren Baustil großflächig zu verwirklichen. Standardisiertes Wohnen und Arbeiten in kubischen oder scheibenförmigen Gebäuden mit glatten Wänden, streng gegliederten Fensterrastern in schier endlos wirkender, einfallsloser Wiederholung. Eine bedrückend stupide Gleichheit mit der Optik einer Legehennenbatterie.

 

Standardisierter Wohnungsbau der Nachkriegszeit, / Bild: © pixabay

 

Es ist die architektonische Ausdrucksform einer Gesellschaft, die sich schämte und nichts mehr zu sagen hatte. Denen das Recht auf nationale Identität abgesprochen wurde und deren Selbstwertgefühl am Boden lag. Dementsprechend nichtssagend ist die uns teils bis heute umgebende Nachkriegsarchitektur. Das Ergebnis sind charakterlose Innenstädte mit häßlichen Kaufhaus-, Theater- und Museumsbauten in trostlosem Einheitsbrei ohne ortstypische Zugehörigkeit. Ob man sich in der Innenstadt von Bochum, Hamburg oder Hintertupfingen befindet, ist nicht zu erkennen. Die Innenstädte dienen als Konsumfläche, in der man erschlagen wird von viel Werbung und übergroßen Markenschildern. Eine Aufenthaltsqualität oder Erkennbarkeit mit Geschichte und Kultur bieten diese Innenstädte nicht.

 

Politisches Kalkül

 

Doch hinter der Auswahl dieser Architektur für die Bebauung des Nachkriegsdeutschlands verbirgt sich nicht nur das Motiv des preisgünstigen Bauens. Ohne Ornamente und feingeistigen Gestaltungselementen – und vor allem ohne Bezüge zur Historie des Landes – hatte es eben auch etwas von Gestaltung eines neuen Deutschlands. Eine neue Gesellschaftsordnung sollte her: Gleichheit ohne Klassenunterschiede. Die Wahl des Baustils war eine ebenso ideologisch-politische Entscheidung. Es sollte eine neue Bevölkerung in modernen Städten entstehen, die alles Alte abwerfen solle, wie einen alten Mantel.

Die politische Elite hofierte daher die Architekten, die den Stil der Moderne verkörperten, um ihr neues Deutschland aufzubauen. Sie wollten Architektur und Gesellschaft erneuern und modernisieren. Allerdings waren unter der Bevölkerung auch viele, die sich einen tatsächlichen Wiederaufbau gewünscht hätten. Es sollte sein wie vorher, wie das, was man kannte, eben traditionell. Leider bekommen bei diesem Wort damals wie heute manche Leute Schnappatmung.

 

Restaurierte Altbebauung auf der Hlavna Straße in Kosice, Slowakei / Bild: © shutterstock

 

Die Modernisten argumentierten damals – und heute eben auch immer noch! – ein tatsächlicher Wiederaufbau – beziehungsweise eine Rekonstruktion – der Vorkriegsbebauung würde die Verbrechen der NS-Zeit verleugnen wollen. Man solle für immer wahrnehmen, daß da, wo etwas Neues steht durch den Nationalsozialismus das frühere Deutschland und dessen (Bau-)Kultur zerstört wurde.

Die Traditionalisten wollten Werte und Kultur erhalten und letztlich auch die Schönheit der vorangegangenen historisch gewachsenen Bausubstanz und Architekturstile. Eine derartige Verknüpfung von Architektur mit politischen Schuldbekenntnissen lag ihnen wahrscheinlich eher fern. Die Entscheidung, wie und was gebaut wird, ist bis heute politisch wie moralisch ein sehr belastetes Thema. Die Neue Frankfurter Altstadt, das Berliner Schloß oder der Neumarkt in Dresden sind aktuelle Brennpunkte einer Diskussion über die Bedeutung von Architektur als Identitäts- und Geschichtsträger. Vielleicht aber auch schlicht und ergreifend über Schönheit, denn dieser politisch-unbelastete Punkt fehlt leider komplett in all diesen Diskussionen.

 

Die drei Grundbegriffe in der Architektur nach Vitruv (1. Jh. v.Chr.):

FESTIGKEIT – ZWECKMÄSSIGKEIT – SCHÖNHEIT.

 

Die öffentliche Diskussion wird oft unfair und unsachlich geführt. Denn was die Gegner der wiederaufgebauten Frankfurter Altstadt dem unschuldigen spätbarocken Goethehaus vorwerfen – die Wiederherstellung sei ein politisches Statement für Rechts –, kann man ebenso dem Baustil der Moderne genau andersherum vorwerfen. Denn dieser ist keineswegs politisch unbelastet. Bei all dem nicht enden wollenden Lob auf diesen Stil wird immer elegant verschwiegen, daß viele seiner Vertreter dem Kommunismus zugewandt oder sogar dessen Unterstützer waren. Nicht ohne Grund symbolisiert er durch seine monotone Gleichheit ohne Unterschiede oder Identifikationsmerkmale die Einklassengesellschaft und wurde vor allem in der sozialistischen DDR propagiert. Dieser Baustil ist also nicht, wie gern behauptet wird, frei von politischer Bedeutung oder volksformender Ideologie. Nein!: dieser Architektur kann man ebenso vorwerfen, daß sie politisch belastet ist und instrumentalisiert wird.

 

Monotone Wohnblöcke in Riegelbauweise, die von vielen Menschen als unattraktiv empfunden wird und oftmals soziale Brennpunkte sind. / Bild: © shutterstock

 

Überall in Deutschland umgibt uns nun permanent diese karge, monotone Architektur. Unabhängig davon, was diese Architektur politisch verkörpert, wurde hingegen nie danach gefragt oder auch nur in Betracht gezogen, wie diese hochgelobte moderne Architektur auf den Menschen wirkt. Denn sie ist unnatürlich, da sie nicht historisch langsam gewachsen ist und sich keiner Topografie anpaßt. Sie ist steif, streng und wurde nicht von Menschen langsam entwickelt. Sie konnte sich nicht allmählich etablieren. Nein, die Moderne ist ein in rasantem Tempo übergestülptes Korsett, das mit der Vernichtung von regionalen Erkennbarkeiten einhergeht.

Lange wurde diese flächendeckende Architektursünde stillschweigend hingenommen. Jedoch tritt die Häßlichkeit der Nachkriegsgebäude durch ihren unansehnlichen Alterungsprozeß derart offenkundig zu Tage, daß man es nicht mehr leugnen kann: Niemals zuvor hat die Menschheit mehr geschmacklose Trostlosigkeit, gestalterisches Unvermögen und menschenfeindliche Bauweise in die Stadt- und Gebäudeplanung in die Welt gebracht. Denn während ein Altbau mit Würde altert, sieht die riesige Wandfläche eben nur gut aus, wenn sie schneeweiß gestrichen ist, und die in den himmelragenden Fensterbänder nur in geputztem Zustand. Aber das alles abzureißen wäre ein Eingeständnis der Modernisten und Weltgestalter an dessen Versagen, daß sie mit ihrer Architektur eine Welt kreiert und gebaut haben, die sie nicht schöner machte, sondern nichtsagend und uninspirierter.

Manche Teile der Bevölkerung zeigen durch ihr Verhalten allerdings deutlich, wie ihre Meinung zu dieser Architektur ist. Denn niemand kettet sich an den Betonpfeiler eines Kaufhauses aus den 1960er Jahren, wenn dieses abgerissen werden soll, aber um jedes einzelne Haus aus der Gründerzeit wird gekämpft. Hier offenbart sich, daß sich die Menschen bis heute nicht mit diesen eckigen Betonkisten anfreunden können, und sich damit auch nicht wohlfühlen. Letztlich symbolisiert dieser Architekturstil die Vernichtung von heimisch Vertrautem und vielleicht auch eine Wunde, die bis heute klafft. Bei jedem Anblick auf diese „moderne“ Bebauung wird klar: Deutschland wurde nicht wiederaufgebaut, sondern neu gebaut und neu gestaltet. Leider hält diese architektonische Verirrung in monströsen Beton-Glas-Protzbauten und anspruchslosen, wertfreien Massenwohnschachteln bis heute an.

Architektur sollte unpolitisch betrachtet werden und nur im Hinblick auf deren Ästhetik, Schönheit und Akzeptanz bewertet werden.

„Kritiker der uninspirierten Schuhschachtelarchitektur aller Länder, vereinigt und befreit euch aus dem ungemütlichen Korsett der Moderne!“

 

 

 

Verwendete Literatur und Quellen der Inspiration:

Fabricius, Michael: "Des Deutschen liebstes Baudenkmal ist das Fachwerkhaus", Die Welt vom 06.01.2018 

Burkhard Müller-Ullrich: "Wenn wir alle dreizehneinhalb Sekunden digital sind", deutschlandfunkkultur.de vom 23.04.2018

Dietrich Erben: "Architekturtheorie", Verlag C.H.Beck oHG, München 2017

Alain de Botton: "Glück und Architektur", S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008

Martina Löw: "Soziologie der Städte", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008

 

 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


Kontakt

Daniele Ludewig
Helena von Rehberg
contact@bellesophie.com
Postadresse auf Anfrage.


Kontakt aufnehmen.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben.