24. Februar 2017

ARCHITEKTURFOTOGRAFIE

Zeitdokument oder Kunstform?!

 

So wie jede Fotografie zeigt auch das Architekturfoto grundsätzlich Existierendes, das sich um uns herum befindet und mit dem wir leben. Fotos bilden ab und erfinden nichts. Allenfalls technische oder gestalterische Hilfsmittel abstrahieren das Abbild und verändern die Realität. Die Architekturfotografie ist darauf spezialisiert Gebäude, aber auch Brücken, Straßenfluchten und Stadtansichten, in ihrer bestehenden Form abzubilden. Zum einen werden Bauten dadurch für die Ewigkeit festgehalten und zum anderen kann der Fotograf seine persönliche Sichtweise auf das Objekt einfließen lassen. 

„Nicht nur abknipsen, sondern inszenieren!“

Ein gutes Bild lebt von einem durchdachten Bildaufbau. Eher selten ist es  der Schnappschuss mit dem Handy. Einem professionellen Bild geht meistens eine wohlüberlegte Planung im Kopf oder mittels Probebildern voraus: Wie wird das Objekt optimal dargestellt und in Szene gesetzt? Wähle ich Farb- oder Schwarz-Weiß-Fotografie? Was ist das Besondere an dem Gebäude?

Das dominierende Bildelement muss der Bau selbst oder ein Ausschnitt dessen sein. Ist hingegen das Zusammenspiel zweier oder mehrerer Gebäude oder Bauten das bestimmende Bildthema, so muss dies deutlich hervorgehoben werden und sichtbar sein. Grundsätzlich sollten unwichtige Elemente (z.B. Mülltonnen oder Fahrzeuge) im Bild nicht stören oder müssen durch Veränderung der Bildperspektive eliminiert werden, um ein optimales und „schönes“ Ergebnis zu erzielen. 

Aber Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters und so kann vielleicht gerade die Unvollkommenheit eines Motivs dessen Reiz ausmachen. Nicht nur Perfektes kann interessant sein, sondern auch das Unperfekte und der Zerfall, beispielsweise eines leerstehenden Hauses, sind es wert, abgelichtet zu werden. 

„Der morbide Charme einer Burgruine kann ebenso reizvoll sein, wie die glänzende Fassade eines Wolkenkratzers.“

 

„In den glänzenden Fassaden spiegeln sich die Nachbargebäude gegenseitig.“ / Apartment Gebäude in Seattle Downtown, USA  (Bildquelle: shutterstock)

 

Auf der Suche nach Motiven!

Ich habe Architektur studiert und interessiere mich für Fotografie. Was liegt da näher, als beides einmal miteinander zu kombinieren. Doch bei der ersten Auseinandersetzung mit diesem Thema viel mir auf, dass ich es sehr schwer fand, Gebäude zu finden, die ich persönlich schön oder interessant fand. Ich wollte etwas fotografieren, das ich als architektonisch gelungen empfand, und das ich per Bild einfangen oder näher kennenlernen wollte. Da ich ein ausgesprochener Fan des historischen Baustils bin, lag es auf der Hand, damit zu beginnen. Pilaster, Säulen, verschnörkelte und liebevoll in Stein gehauene Ornamente und Stuckarbeiten: hier fotografierenswerte Motive zu finden, für mich relativ einfach! :-) 

Schwieriger wird es für mich bei moderner Architektur. Vieles empfinde ich als zu kantig und nüchtern und kann den Entwurfsgedanken nicht nachvollziehen. Zum Beispiel die Elbphilharmonie: Für die einen ein überteuerter Kasten mit einer Welle oben drauf, für die anderen beeindruckende Architektur mit herausragenden Details. Ein gewisser Anteil wird bei der Beurteilung eines Gebäudes oder Fotos immer subjektiv sein, und das ist auch in Ordnung so. Wie langweilig wäre es ohne anregende Diskussionen über schön und hässlich, Sinn und Unsinn. Allerdings gibt es auch Gebäude oder Bauten, die aus der Ferne betrachtet eher unschön – mitunter scheußlich – aussehen, aber bei näherem Hinsehen ihre Reize enthüllen. 

Die erste Erkenntnis ist also, dass sich Schönheit von Architektur nicht immer über den Gesamtanblick erschließt, sondern häufig erst im Detail. Die Fotografie ermöglicht es, den Blickwinkel des Betrachters zu steuern und auf bestimmte Ausschnitte des Baus zu lenken und diese dadurch hervorzuheben. Manchmal ist gar nicht mehr zu erkennen, dass es sich um ein Gebäude handelt. Man sieht nur noch Strukturen, Formen oder Linien. Bei dieser „herangezoomten“ Betrachtungsweise werden plötzlich Details, und somit auch Schönheiten, sichtbar, die vorher gar nicht aufgefallen sind und dem unachtsamen Betrachter verborgen blieben. 

Entfernt man beispielsweise das Mobiliar einer Halle oder andere eingestellte Gegenstände, so tritt die Funktion des Gebäudes zurück und nur die Form wird sichtbar. So wird manch ein Gebäude plötzlich zu einer Skulptur, in die man hineingehen und die man von Innen erleben kann. 

 

„Die imposante Hallenkonstruktion wirkt skulptural und stellt die eigentliche Funktion des Gebäudes in den Schatten.“ / Apartment Gebäude in Seattle Downtown, USA  (Bildquelle: shutterstock)

 

Was ist also Architekturfotografie?

Realität oder Abstraktion?

Die Wahrheit ist: Es ist all das und noch viel mehr! Sie kann nüchtern sein, aber auch ernüchternd. Sie kann beeindrucken und Gefühle wecken. Sie kann ehrlich sein, aber auch manipulieren.

Im Wesentlichen gibt es drei Bereiche der Architekturfotografie: die dokumentarische, die künstlerische und die abstrakte. 

Die dokumentarische Darstellung ist quasi die Mutter der Fotografie. Sie hatte ursprünglich den Zweck, die aktuelle Situation bildlich festzuhalten. Die fotografischen und bildbearbeitenden Möglichkeiten wie heute gab es damals nicht. Es wurde unmanipulierte Realität abgebildet. 

Das moderne dokumentarische Foto kann da schon mehr. Es besticht durch klare, aufgeräumte Bildkompositionen und hebt die Qualität eines architektonischen Entwurfes und den Gesamteindruck hervor. Man lässt das oder die Bauten selbst wirken und keine persönliche Darstellungsweise einfließen. Der Fotograf stellt sich in den Dienst der Sache und zeigt eine rein sachliche Darstellung des Objektes. Obwohl nicht persönlich eingefärbt, ist die Aussagequalität in der Regel positiv, es sei denn man „will“ die architektonischen Verfehlungen aufzeigen.

 

„Hervorheben und nicht manipulieren.“

Aufgenommen durch den richtigen Winkel kann die Opulenz und Größe eines Gebäudes hervorgehoben werden. Spannende Perspektiven können angewendet werden, um optisch die Wirkung eines Raumes zu unterstützen. Das architektonische Konzept und dessen Umsetzung soll auf Bildern eingefangen werden und einem Betrachter, der vielleicht nie selbst dieses Gebäude oder den Bau gesehen hat, einen nahezu realen Eindruck davon vermitteln. 

Wenn ein Neubau neben oder zwischen eine historische Bebauung eingefügt wurde, kann es auch Thema des Bildes sein, den Bau im Kontext mit der Nachbarbebauung zu zeigen. Geschmacklich scheiden sich da oft die Geister der ansässigen Bewohner, aber diese Beurteilung ist nicht Aufgabe des dokumentarischen Bildes oder des Fotografen. Sondern einzig die sachliche Darstellung der tatsächlichen Bebauungssituation. Persönliche Empfindungen haben da nicht miteinzufließen und lösen diese in der Regel auch nicht aus. 

Bei historischen Fotos kann das mitunter anders sein. Sie halten Zeitgeschichte fest, im bestehenden wie auch im zerstörten Zustand. Und trotz, dass es nur ein schlichtes Abfotografieren alter Gebäude oder Ruinen ist, und ohne, dass das Bild nachträglich bearbeitet wurde, kann es doch Empfindungen auslösen. So wird beispielsweise eine nüchtern abfotografierte Stadtansicht vor und nach dem zweiten Weltkrieg zu einem wertvollen und unersetzlichen Dokument der Erinnerung und des Verlustes.

 

„Auch das ist Architekturfotografie: Geschichte erzählen und damit Erinnerungen und Gefühle auslösen.“ / Dresden nach der Zerstörung 1945. Blick auf die Innenstadt.  (Bildquelle: Bundesarchiv / wikipedia)

 

Im Gegensatz zu der dokumentarischen wird bei der künstlerischen Architekturfotografie der Fokus auf die Wirkung und stimmungsvolle Eindrücke gelenkt. Der Fotograf kann, darf und sollte seine persönliche Sichtweise auf das Objekt, und die eigene Fotografiertechnik, einfließen lassen. Er stellt das Gebäude so dar, wie „er“ es wahrnimmt und uns zeigen möchte. Das Bild muss eine subjektive Wirkung beim Betrachter erzielen können. Das Interesse sollte geweckt werden, wissen zu wollen, welches Gebäude es ist oder wo es steht. 

 

„Eine neue Sichtweise.“

Es kann auch sehr spannend sein, einen bekannten Bau auf eine neue Art darzustellen. Dies erfordert allerdings, die jeweiligen Besonderheiten zu finden und diese herauszustellen. Dazu ist es nötig, genau Hinzusehen und auf die Suche nach Details zu gehen. Aus dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Bau resultiert dann eine subjektive Darstellung des Objektes, denn nur die vom Fotografen ausgewählten Gebäudeteile und persönlichen Perspektiven werden abgelichtet. Das entstehende Bild ist somit eine kreative Auseinandersetzung zwischen Fotograf und Motiv und letztlich zwischen Mensch und Gebäude. 

 

Die „richtige“ Stimmung!

Die Einbeziehung des Wetters oder bestimmter Situationen kann einem Bild erst die richtige Wirkung verpassen. Zum Beispiel kann die Trostlosigkeit einer Stadtbebauung durch Nebel verstärkt werden, eine schnöde Industriehalle bekommt plötzlich etwas Elegantes, wenn das Sonnenlicht hereinscheint und ein menschenleerer Bahnhof wirkt beruhigend und mitunter romantisch.

 

„In schwarz-weiß und menschenleer wirkt dieser Bahnsteig irgendwie geheimnisvoll und beruhigend.“ / Darmstädter Hauptbahnhof (Bild: Daniele Ludewig)

 

Mich reizt derzeit am meisten die abstrakte Art des Fotografierens. Durch das Heranzoomen von Details, die nur einen Ausschnitt des Baus zeigen, entstehen abstrakte Formen und spannende Bildkompositionen. So konnte ich schon einem Gebäude, das mir eigentlich nie gefiel, bei näherem Hinsehen etwas Positives abgewinnen.  

 

      

„Im Gesamten betrachtet gefällt mir das Gebäude überhaupt nicht. Aber in dieser Ausschnittfotografie entstehen stürzende Linien und eine abstrakte Darstellung wird zum zentralen Stilmittel der Bildkomposition.“ / Veranstaltungshalle Darmstadtium, Darmstadt (Bild: Daniele Ludewig)

 

Diese Art des Fotografierens fordert ganz besonders dazu auf, genauer hinzusehen und sich mit dem Objekt zu beschäftigen. Die Materialien, besondere Licht- und Schattenspiele oder Konstruktionsdetails zu zeigen und wirken zu lassen, ist die spezielle Herausforderung dieser Bildart. Trotz der Konzentration „nur“ auf einen Ausschnitt, einen Teil des Gesamten, verlangt es ebenso nach einer Bildkomposition. Schnödes „Draufhalten“ langt auch hier nicht. Man muss das Objekt verstehen und sich intensiv mit ihm auseinandersetzen; und es ist von Vorteil, wenn man das Objekt mag und wertschätzt. Denn dann ist es viel einfacher, das Besondere ins „rechte Licht zu rücken“. 

Mit perspektivisch verzogenen Blickwinkeln oder extremen Nahaufnahmen erzielt man auch bei einem eher langweiligen Gebäude optische Spannung und Interesse beim Betrachter. Eine abstrakte Darstellung lebt vom Spiel aus Formen, Farben, Linien, Licht und Schatten. Harte schwarz-weiß-Kontraste, stürzende Linien oder starke Materialunterschiede bringen Dynamik ins Bild. Und so wird das Gebäude, welches eigentlich einen Zweck und eine Funktion erfüllen sollte, fast schon zu einem Kunstobjekt, was sich selbst genügt.                        

 

„Durch die Sonneneinstrahlung leuchten die Farben besonders kräftig. Das dies ein Schulgebäude ist, wird zur Nebensache, da die Fassade so besonders ist.“ / Schuldorf Bergstraße, Seeheim-Jugenheim  (Bild: Daniele Ludewig)

 

Das Fotografieren von Architektur ist also sowohl ein Zeitdokument als auch eine Kunstform!

Nicht selten entsteht durch das Ablichten eines Baus eine regelrechte Inszenierung eines Gebäudes, manchmal sogar eine Glorifizierung, und einem Architekten oder Baumeister wird so postum gehuldigt. Allerdings wird Architektur nur durch ein gelungenes Foto nicht besser! Das Gebäude muss trotzdem „funktionieren“,  sonst verliert es seine Existenzberechtigung. 

Einer meiner Professoren an der Architekturhochschule sagte einmal über sein Idol „Le Corbusier“ (Architekt * 1887, † 1965 ) in eines dessen Häuser es stetig reinregnete: „Der Entwurf und die Architektur des Gebäudes seien großartig, und es brauche eben besondere Leute, die darin wohnen“. 

Architektur darf nie nur Kunstwerk sein und sich selbst genügen!

Fotografie darf das!

 

Daniele Ludewig

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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