Leben in der Stadt wird zum Luxus

 

 

Die Städte werden immer voller. Die Mieten werden immer teurer. Und innerstädtischer Wohnraum wird allmählich zur Luxusware. Anstatt zu renovieren wird vielerorts abgerissen und luxuriös neu gebaut und denkmalgeschützte Gebäude werden edelsaniert.  Die Globalisierung ermöglicht es, dass Millionäre überregional Eigentumswohnungen kaufen, die dann teilweise sogar leer stehen, da sie nur als Wertanlage dienen. Stattdessen würde diese Fläche dringend als Wohnraum für "normale Leute" benötigt! 

Derzeit herrscht ein Ausnahmezustand auf dem deutschen Wohnungsmarkt. In den großen Hauptstädten Hamburg oder München kommen zu einer Wohnungsbesichtigung mitunter 50 bis 100 Interessenten, und das obwohl eine Miete hier absurderweise bis zu 40 – 50 € / qm betragen kann. Aber auch in den anderen Städten dieses Landes haben sich die Mieten derart erhöht, dass der Normalverdiener bei der Auswahl seines Wohnraumes schon ganz schön viele Kompromisse eingehen muss. Ist er auch noch Single, und muss alle Kosten alleine tragen, ist das Angebot ziemlich begrenzt.

Die Eltern meiner Freundin zum Beispiel sind Rentner und wollen zurück in die Stadt ziehen. Sie sind sehr aktiv und unternehmungslustig und wollen nicht mehr so viel mit dem Auto fahren. Sie denken an ihr Älterwerden und wollen Kultur und Aktivitätsmöglichkeiten besser fußläufig oder mit kürzeren Strecken per Bus erreichen können. Sie erzählen mir, dass es unglaublich schwierig ist, eine schöne und bezahlbare Wohnung zu bekommen. Finden sei ja das Eine, aber sie unter all den Mitbewerbern dann auch zu bekommen, ist das Andere! Klar, eine Wohnung wie ein Karnickelstall, dunkel und trostlos oder in sozialen Brennpunkten ginge vielleicht, aber wer will das schon. Eine meiner Freundinnen hingegen hat die Wohnungssuche in der Stadt schon aufgegeben. Sie bleibt lieber weiter 20 km außerhalb wohnen. Während eine andere Singlefreundin zwar in der Stadt wohnt, aber eine Verbesserung ihrer Wohnsituation aufgrund ihres schmalen Gehalts nicht realisierbar ist. 

 

Sanierter Albau: traumhaft schön! Allerdings : Mit dem Vorhaben der Vollsanierung kann allen Mietern gekündigt werden. Man kann davon ausgehen, dass die Mieten anschließend dann erheblich steigen. Derartige Sanierungskosten dürfen a) auf die Mieter umgelegt werden und b) da alles quasi "neu" gemacht ist, ist es eine Grauzone zur Umgehung der gesetzlichen Mietbremse.  

 

Wer sich die Innenstadtmiete nicht mehr leisten kann, ist daher gezwungen, in die Außenbezirke einer Stadt oder aufs Land zu ziehen. Das Schlimme daran ist, dass dies keine Stadtentwicklung aufgrund soziologischer Einflüsse oder menschlicher Veränderungen ist, die sich langsam und vor allem auf natürliche Weise verändert. Sondern es ist die hässliche Seite der Globalisierung!

Menschen mit Geld – mit sehr viel Geld! – können weltweit Geschäfte machen und alles kaufen, wonach Ihnen der Sinn steht; und ich Frage mich, ob es da noch irgendein Regulativ gibt. „Globales Kapital soll ja schließlich zirkulieren“ und entwickelt aber dabei einen für das Gleichgewicht der Gesellschaft gefährlichen Strudel, der sich nun um die ganze Welt zieht, alles an sich reißt und dabei Strukturen zerstört. 

London hat mittlerweile das Problem, überwiegend nicht mehr zu wissen, wem eine Wohnung oder Immobilie tatsächlich gehört. Undurchschaubare Firmenkonstrukte und nicht mehr nachvollziehbare Geldtransfers verschleiern den wahren Besitzer. London strebt daher eine Gesetzesänderung an, die klar und deutlich den Besitzer einer Immobilie benennt.

 

Bild(er): shutterstock / Bildmontage: uscreativ.de

 

Wie übermächtige Geier kreisen gewinnhungrige Investoren über einer Stadt und suchen sich das nächsten Stadtviertel, die nächste Straßenzeile oder die nächste Immobilie aus, die ihre Gier nach noch mehr Geld befriedigen soll. Dass sie dabei Wohn- und auch Lebensraum für Normalsterbliche zerstören, ist ihnen relativ egal. Und so wird die Entwicklung einer Stadt künstlich durch Investoren beeinflusst und gesteuert. Leidtragende dabei sind all die Menschen, die in einem bisher „normalen“ Stadtviertel wohnen, welches von diesen Investoren auserkoren wurde, zum „besseren“ Wohnviertel zu werden. Denn diese „normalen“ Menschen mit ihrem „normalen“ Einkommen passen hier jetzt nicht mehr hin und sind damit ein Störfaktor. Mieter und Investoren werden ab diesem Zeitpunkt quasi zu Gegnern und es entfacht ein Kampf, der an David gegen Goliath erinnert.  Die teils mit kriminellen Machenschaften herbeigezwungene Vertreibung von Mietern aus einem Haus ist keine Begleiterscheinung, sondern wesentlicher Bestandteil der von Investoren beherrschten Stadtentwicklung. Mittels Tyrannisierung durch im Haus einquartierte ausländische Großfamilien, die Unruhe stiften durch ständigen Lärm oder absichtlich herbeigeführte Bauschäden, wird dem störenden Mieter deutlich klar gemacht, wer hier am längeren Hebel sitzt. Und für diese massive Vertreibung von Menschen, die sich den wachsenden Lebensstandard in der Stadt nicht mehr leisten können, gibt es auch ein chices Wort: „Gentrifizierung“. Ein ziemlich harmloses Wort für eine solche Schweinerei.

Die Hauptsache ist die große Steigerung der Einnahmen und damit exponentielle Gewinne, was sowohl die Miet- als auch die Eigentumskosten betrifft. Denn nicht selten geht es hier nicht um Wiedervermietung, sondern um den Verkauf. Denn wie ein Freund von mir mal so schön sagte: “Eine Immobilie ruft an, Geld nicht.“ Soll heißen: Der Investor ist an dem finanziellen Gewinn interessiert und nicht an Mietern, die wegen tropfender Wasserhähne oder feuchten Kellern anrufen.

Ein bestehendes Haus oder ein neugebautes Objekt wird so geplant, dass es „filetiert“ werden kann in einzelne Wohneinheiten; so wie eine Kuh in ihre verschiedenen Fleischteile zerlegt wird. Anschließend werden diese Filetstückchen luxussaniert und separat verkauft. Das bringt einen höheren Gewinn. Der Ursprung von umbautem Raum, „Wohnung als Ort von Leben, ein zu Hause haben und von Geschichte“, wird völlig verdrängt. Wohnungen sind nicht mehr langfristige Wertanlagen, sondern globale Spekulationsobjekte mit exorbitanten Renditen, die fast schon kriminell sind. Und als wenn das nicht ausreichen würde, herrscht offenbar ein perfider Kampf zwischen den Investoren, wer denn die höchsten Mieten oder Verkaufspreise der Stadt erzielen kann. Das Epizentrum der Kampfzone sind eben jene Stadtteile, die künstlich in rasender Geschwindigkeit zu Edelstadtteilen aufgeplustert werden. Geschickte Umgehung oder Aushebelung der gesetzlichen Mietspiegelbremse all inklusive.

 

Neubauten in Berlin: Lieber wird abgerissen und neu gebaut, denn damit muß man sich nicht an die gesetzliche Mietbremse halten. Neubauten sind  davon ausgenommen!  
 
 
Die Politik hat einen mir undurchsichtigen Anteil daran, verliert sie doch sichtlich den Einfluss auf die Stadtentwicklung, die flächendeckend völlig aus dem Ruder läuft. Man könnte fast glauben, dass Politiker sich bestechen lassen, um wegzuschauen oder sogar mit drinnen hängen und auch daran verdienen. 
Im Sinne des „Wir müssen sparen “ hat sich vor Jahren die Politik aus der Wohnungsfrage verabschiedet: kein sozialer Wohnungsbau mehr und Verkauf von kommunalen Beständen und deren Privatisierung. Und jetzt ist der Rückstand an bezahlbarem Wohnungsraum so groß, dass es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird, diesen aufzuholen und wieder ein Gleichgewicht im Wohnungsmarkt herzustellen. Zudem könnte man auch mal den Baubehörden vorwerfen, dass sie tatenlos zuschauen, wie man ihr die Kontrolle über die bauliche Entwicklung entreißt. 

Eines ist mal klar: Beide, Politik und Baubehörde, kommen ihrer eigentlichen Verantwortung „dem Allgemeinwohl zu dienen“ schon lange nicht mehr nach! 

Und was ist die Erkenntnis?!

Eine Gesellschaft und ein Land funktionieren nur,  wenn alle von einer Entwicklung profitieren. Man will gern bedient werden, von der Verkäuferin an der Fleischtheke, von dem Mechaniker in der Autowerkstatt und der Putzfrau, die das Luxusapartment sauber macht. Aber offenbar ist es nicht mehr von Interesse, wo diese Menschen, die nur geringe bis normale Gehälter haben, leben sollen!

 

Daniele Ludewig

 

 

Anregung und Quelle:

ARD ttt “titel thesen temperamente“

Dokumentarfilm: „Die Stadt als Beute“ 

http://www.diestadtalsbeute.com

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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