Die Deutschen – Die Häuslebauer

 

 

Vielleicht kennen Sie ja auch den Satz: „Schaffe, schaffe, Häusle baue.“? Ein eigenes Haus steht bei vielen Leuten auf der Wunschliste des Lebens. Und ist es nicht das Haus, so ist es doch heutzutage auch eine Eigentumswohnung, die man sein Eigen nennen möchte. Aber warum ist das so? Was steckt dahinter? Geht es darum, etwas zu besitzen oder ist es vielleicht einfach nur eine genetisch bedingte Veranlagung aus der Urzeit, ein „Nest“ bauen zu wollen?

„Nest“! Das klingt auch so schön nach Geborgenheit und Schutz. Und wenn es einem auch tatsächlich gehört, meint man zu wissen, wo man hingehört und kann auch nicht so einfach rausgeschmissen werden. Man ist keinem Vermieter ausgeliefert, der vielleicht das Haus, bzw. das Haus indem man seine Wohnung hat, verwahrlosen lässt. Oder auch Eigentumsanmeldung, Luxussanierung, regelmäßige Mieterhöhungen, Ärger mit der Nebenkostenabrechnung . . . alles Dinge, auf die man als Mieter heutzutage gefasst sein muss. Also hat es vielleicht einfach was mit Sicherheit zu tun, die ein Eigenheim vermittelt und damit ein Grundbedürfnis des Menschen erfüllt. So wie der Wunsch nach Familie und Kindern selbstverständlich für die meisten zum Leben dazugehört.

Ein weiterer Grund könnte die Geldanlage sein. Noch immer ist der Kauf eines Hauses oder einer Wohnung die erste Wahl bei der Geldanlage. Eine Immobilie zu besitzen gilt immer noch als am krisensichersten. Auch wenn das Image dieser Branche einige Risse durch die Immobilienkrise, deren Auswirkung aus Amerika zu uns rüber schwappte, erhalten hat. Mittlerweile ist es zudem so, dass die Preise derart in die Höhe gegangen sind, dass sich immer weniger Menschen und Familien diesen Wunsch erfüllen können. Heutzutage ist es ja schon eine Herausforderung eine bezahlbare Mietwohnung zu finden. Will der normale durchschnittliche Arbeitnehmer dann auch noch was kaufen, zahlt er nicht selten sein Leben lang den Kredit ab bzw. beide in der Partnerschaft! Oder er sieht sich gegenüber eines mit dem Kopf schüttelnden seriösen Finanzberaters sitzen, der einem eher abrät, sich derart zu verschulden. Der Unseriöse will auf jeden Fall einen Abschluss machen und wird Ihnen nicht sagen, dass eine solche Verschuldung mit Verbindlichkeiten ein hohes Risiko ist und Einschnitte in die Lebensqualität beinhaltet. Für größere Urlaube, teurere Anschaffungen und nicht einkalkulierte hohe Ausgaben ist nicht selten kein finanzieller Spielraum eingeplant.

Der normale Durchschnittsmensch in Deutschland ist nämlich nicht vermögend, so wie das von Medien und Politik immer wieder dargestellt wird. Der angeblich so hohe durchschnittliche Wohlstand in Deutschland ist realitätsfern, denn der statistisch so hohe Posten an durchschnittlichem Privatvermögen pro deutschem Einwohner, wird durch die Multi-Millionäre in diesem Land verzerrt. Durch das extreme Vermögen einiger Weniger errechnet sich ein finanzieller Wohlstand pro Kopf, der die tatsächliche Verhältnismäßigkeit der Vermögensverteilung in keiner Form realistisch wieder gibt. Hinzu kommt, dass die Immobilien meiner Meinung nach überteuert sind und gar nicht den tatsächlichen Wert haben, für den sie über den Ladentisch gehen und später nicht die erhoffte Rendite erzielen werden. Hier regelt nur die Nachfrage den Preis, der teilweise künstlich in die absurdesten Höhen getrieben wird. Verdienen tun daran nur die Investoren und die Makler mit Ihren Luxusimmobilien für die Oberschicht oder mit Bürogebäuden, die dann leer stehen, weil es gar keine Mieter gibt. Denn absurder Weise verdienen die Investoren an der Herstellung eines solchen Gebäudes und weniger an der anschließenden Vermietung. Eine mittelständische Wohnimmobilie für „normale Leute“ – und damit den größten Anteil der Bevölkerung – scheint heutzutage in der Herstellung nicht erstrebenswert zu sein und wird von der Politik auch nicht unterstützt oder in Form von Subventionen oder attraktiven Krediten gefördert.

Seit vielen Jahren liegt der soziale Wohnungsbau brach und wurde völlig vernachlässigt. Damit fehlte nicht nur bezahlbarer Wohnraum für Jedermann sondern auch die regulierende Konkurrenz auf dem Mietmarkt. So konnten sich die Mietpreise immer weiter nach oben steigern. Nun hat die Politik aufgrund der Flüchtlingskrise dieses Versäumnis bemerkt und den Wohnungsbau auf Ihrer To-Do-Liste wiederentdeckt. Viel zu spät!

 

Sozialer Wohnungsbau muss nicht immer Plattenbau sein. 
 

Und trotz der schlechten Bedingungen bleibt das eigene Haus für viele ein Ziel!

Ursprünglich sollte das eigene Heim auch als Absicherung für die eigenen Kinder dienen. Das teilweise erst im Rentenalter abbezahlte Haus soll der nachfolgenden Generation finanziell gesehen als Sicherheit und emotional als Rückzugsort dienen.
Tatsächlich ist es allerdings so, dass in einer immer weiter flexiblen und globalisierten Welt die Nachfolgegeneration andere Wege als die der Eltern oder Großeltern geht, und sich auch örtlich nicht mehr so fest gebunden fühlt. Und damit verliert das Haus seinen Status als „Zuhause“ und dient nur noch als Geldanlage und finanzieller Puffer. Oft wird die elterliche Immobilie verkauft, um anderswo eine neue zu kaufen, die eher den aktuellen Lebensansprüchen entspricht.

Schauen wir einmal zurück bis ins Mittelalter. Da galt in Deutschland nämlich bis ins 19. Jh. hinein das „Heimatrecht“ und d.h. nur wer Besitz hatte durfte arbeiten und heiraten. Also war das Haus Symbol und Garant für Unabhängigkeit und Sicherheit und bot überhaupt erst die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen und eine Familie zu gründen.

 

Klassische Fachwerkhäuser des Mittelalters
Klassische Fachwerkhäuser des Mittelalters

 

In der Nachkriegszeit Mitte des 20. Jh., ging es dagegen weniger um ein ganzes Haus. Es ging schlichtweg um ein Dach über dem Kopf! Dringend benötigter Wohnraum hatte oberste Priorität. Millionen von Menschen waren ausgebombt und hatten alles verloren. Ganze Städte waren nahezu dem Erdboden gleichgemacht worden. Also beherrschte der standardisierte, unaufwendig geplante Wohnungsbau den Wiederaufbau eines ganzen Landes. Es musste günstig sein und schnell gehen. Es wurde nicht unterschieden zwischen herrschaftlichen, großbürgerlichen und Arbeiter-Wohnungen. Die Wohnungen wurden überwiegend alle gleich nach funktionellem Bedürfnis geplant. Wohnzimmer, Küche, Bad und ein Schlafzimmer, evtl. noch ein Kinderzimmer. PUNKT! 

Keine hohen, großzügig geschnittenen Räume, Stube mit Kamin, Arbeitszimmer des Mannes und keine teuren Wandvertäfelungen, Stofftapeten, Parkettböden, doppelflügelige Türen, gußeiserne Geländer etc. ... Jetzt waren es schmucklose Fassaden, niedrigere Deckenhöhen, kleine Räume, und die „gute Raufasertapete“. Bis heute der Klassiker beim günstigen Renovieren, war damals ihr einziger Zweck die Kaschierung der unsauber verputzten Wände durch ihre unruhige Struktur. Schön ist weiß Gott anders!

Nach dem Krieg entstehen 74% des deutschen Immobilienbaus neu.

Eine Sache blieb jedoch dieselbe: Das Wohnzimmer ist das Herzstück des Heims. Vor 200 Jahren nannte man dies „die gute Stube“, in der man Gäste empfing und zeigte, was man hat und wer man ist. Damals waren die Möbel das Wichtigste, heute ist es eher der Fernseher, das "Lagerfeuer der Neuzeit“. Das typische, zeitgenössische, deutsche Wohnzimmer hat ein Sofa, eine Schrankwand oder eine moderne Variante davon, Tisch, Stehlampe und eine Pflanze und – ganz wichtig – der Fernseher, genannt die Flimmerkiste. Denn währenddessen die Familie früher gemeinsam in der Stube am Kaminfeuer saß – teilweise der einzig beheizte Raum im Haus – sitzt man heutzutage vorm Fernseher und glotzt in diesen Kasten ohne sich zu unterhalten. So wie eigentlich fast alle Medien mittlerweile ein Killer für die direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch sind. Aber dies sei hier nur am Rande erwähnt.

Der Fernseher integriert in die Wandgestaltung
Der Fernseher integriert in die Wandgestaltung


Eine weiter Gegebenheit hat sich im Wesentlichen auch nicht geändert: Die Frauen richten ein und machen aus einem leeren Raum ein wohnliches Zuhause. Die Selbstverwirklichung des Mannes hingegen findet in dessen handwerklicher Tätigkeit ihren Ausdruck. Da wird gebohrt, gehämmert und mit elektrischen Hilfsgeräten gearbeitet was das Zeug hält. 70% der deutschen Männer werkeln gern selbst am Haus herum. Während in anderen Ländern die Reihenhäuser häufig alle komplett identisch sind, verwirklicht sich der Deutsche an individuellen Eingangstüren, Briefkästen und Vorgartengestaltungen. Und so manche Hausfrau würde lieber einen professionellen Handwerker rufen, anstatt dem Ehemann die Reparatur zu überlassen. Resultat: Deutschland hat mehr Baumärkte als jedes andere Land Europas!

Zwei Weltkriege, dazwischen die Wirtschaftskrise 1920 und die damit einhergehende Geldentwertung, brachten Unsicherheit und Instabilität. Zweimal haben Menschen ihre Heimat und ihr Zuhause verloren. Vielleicht sind die Deutschen deswegen bis heute (laut Umfragen) vorsichtig mit ihrem Geld und „im internationalen Vergleich Sparweltmeister“. Dies hat weniger mit Geiz zu tun, sondern mit dem Streben nach finanzieller Absicherung der persönlichen und familiären Verhältnisse. Und betrachtet man die aktuelle Entwicklung der Lebensqualität durch die Globalisierung, den daraus resultierenden Verschlechterungen auf dem Arbeitsmarkt und der Unsicherheit, die damit einhergeht, trauen sich vielleicht viele nicht mehr, sich festzulegen und orientieren sich in Ihrem Werteverständnis um. Die einen halten immer noch an alten Traditionen fest und wollen sich gern festlegen, sesshaft werden und eben ein Haus besitzen. Die anderen hingegen sind globaler und nicht örtlich gebunden. Sie überlegen eher: „Wie und vor allem wo will ich leben?“

Heutzutage ist es nicht mehr selbstverständlich, dass man seinen Job ein Leben lang behält oder man nicht aus existenziellen Gründen gezwungen ist, einen Ortswechsel vorzunehmen. In Zeiten ständiger Ungewissheit und Wandel der Lebensumstände und fast unendlicher Möglichkeiten, was man aus seinem Leben machen könnte, ist das Eigenheim vielleicht am Ende des Tages für diejenigen, die Beständigkeit suchen, immer noch das einzige, was dies vermittelt.

Daniele Ludewig

Quelle und Anregung u.a.: zdf_neo „Terra X“

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Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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