14. Februar 2020

Auf der Suche nach dem Stil ...

in der aktuellen Architektur

 

Ein geschmackvoller, stilsicherer Baustil ist in Deutschland schwer zu finden! / Bild: © shutterstock

 

Architektur umgibt uns. Sie gestaltet unseren Lebensraum. Da sie von uns Menschen geschaffen wird, sind wir diejenigen, die sie gestalten. Aber was zum Teufel ist das, was da gerade gebaut wird?

Rückblickend betrachtet, hat jedes Jahrhundert seinen Stil, seine prägenden Bauten und seine bauliche Identität. Was wird man rückblickend über die Zeitspanne ab 1945 bis heute sagen? Wie soll man das nennen, was da gebaut wird? Moderne? Die ist aber nun auch schon einhundert Jahre alt, entspringt sie doch dem Bauhaus von 1919. Pluralismus? Aber von was? Von überdimensionalen Glas-Stahl-Konstruktionen und von lieblos hingezimmerten Wohnschachteln?

Im Grunde ist die Suche nach dem Stil und somit nach der Schönheit in der Architektur tatsächlich die Suche nach der Architektur selbst. In den Bauten unserer Zeit fehlt der Anspruch an das Eigentliche in der Architektur – nämlich die Kunst und die Ästhetik. Ganz besonders fehlt beides in der Stadtplanung und im Wohnungsbau. Und das wiederum ist besonders erschreckend, denn damit wird Lebensraum gestaltet, der eine Wirkung auf die Menschen ausübt.

 

Architektur = Baukunst
und somit eine künstlerische Auseinandersetzung
mit der Gestaltung von Bauwerken,
im Idealfall mit einem ästhetischen Anspruch.

 

Es möge mir bitte mal jemand erklären, wo in der aktuellen Bauweise – ich sage mit Absicht hier jetzt nicht Architektur – im Bereich Wohnungs- und Öffentlichkeitsbau die Kunst und das Gestalten, geschweige denn die Ästhetik, sind!

Jetzt kann man natürlich sagen: Schau doch mal hier, die tolle Elbphilharmonie oder das Kanzleramt oder die Hochhäuser in Frankfurt am Main. Das sind aber alles für sich alleinstehende Ego-Bauten. Wofür früher das Schloß diente, nämlich der Demonstration der Macht und der übergeordneten Stellung des Herrschers, dienen heute diese Solitärbauten. Sie sind die egozentrische Selbstdarstellung einer Regierung, einer Stadt, einer Bank oder einer Firma. Sie gestalten keine Stadträume, sondern sie protzen.

 

In der Mitte historischer Altbau, rechts irgendetwas Undefinierbares und dahinter Protzbauten der Banken: Ein harmonisches Miteinander der Bebauung gibt es nicht. / Bild: © ms_pics_and_more/shutterstock

 

Ein einzelnes Gebäude zu bauen, so wie beispielsweise die Elbphilharmonie, und sich nach deren überteuerter Fertigstellung für die Großartigkeit selbst zu beweihräuchern, ist grotesk. Was wir brauchen sind lebenswerte Städte für Menschen und nicht einzelne Prestigebauten für Konzertbesucher oder Politiker.

Was an den Protzbauten zu viel gestaltet wird, fehlt auf der anderen Seite im Wohnungsbau völlig. Seit den 1950er Nachkriegsbauten wird am Wohnungsbau gespart, sowohl gestalterisch als auch finanziell. Nach dem Krieg ging es nicht anders, denn da wurde Wohnraum benötigt. 70% der Bebauung war zerstört. Diese schlichte, charakterlose Schnellbebauung prägt noch heute das Bild vieler Städte. Und irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass seitdem nicht viel passiert ist.

Bei uns in Darmstadt wird gerade ein Neubaugebiet erschlossen. Endlich hatte man die Besitzverhältnisse der ehemaligen Ami-Kaserne geklärt – hat ja nur 30 Jahre gedauert – und kann hier jetzt Mehrfamilienhäuser errichten. Wird ja dringend benötigt! Allerdings sieht der „Käse“ auch genau so aus – nämlich nach dringend und schnell. Es sind lieblos gestaltete, aus der Retortenschublade des 08/15-Wohnungsbau hochgezogene Behausungen. Wohnschachteln mit Flachdach ohne geistreiche Fassadengestaltung, die verzweifelt versuchen modern auszusehen. Es kann sein, daß diese Schlichtheit als Anlehnung an den Bauhausstil verstanden werden soll. Leider mißlingt das gänzlich! Nicht alles was schlicht ist, kann sich auf Bauhaus berufen. Mal abgesehen davon, daß ich Bauhaus sowieso umstritten finde.

 

Langweilige 08/15-Fassadengestaltung im Wohnungsbau. / Bild: © shutterstock

 

Es ist jammerschade, daß es Deutschland seit 1945 in großen Teilen nicht schafft, eine ästhetische und charaktervolle Architektur zu planen und umzusetzen. Es werden willkürliche Siedlungen gebaut und ganze Stadträume vernachlässigt. Wer sitzt da eigentlich in den Stadtplanungsämter? Haben die ein Ziel, einen Plan von einem großen Ganzen oder freuen die sich einfach nur, wenn ein großer Investor kommt und sie die Aufgabe abgeben können?

Es ist wichtig, daß Städte nicht ihre Identität verlieren. Die Bebauung einer Ortschaft, einer Stadt und eines Landes sollte immer zwei Dinge beinhalten: 

1.) Das ästhetische und kulturell verbundene Bauen, das sich nicht nur auf einzelne Gebäude bezieht, sondern ein Konzept für ganze Stadträume beinhaltet, und ...

2.) zusätzlich eine soziale Komponente beachtet. Wir sehen ja aktuell wohin die Vernachlässigung dieser Verantwortung seitens des Staates führt: zu hohe Mieten, Eigentumswohnungen nur für Reiche und leer stehende Bürogebäude.

Das Resultat der Bebauung der letzten 75 Jahre hat dazu geführt, daß die Innenstädte heute alle irgendwie gleich aussehen. Sie haben keinen Charakter und, außer einigen Ausnahmen, keine Unverwechselbarkeit mehr. Überall die gleichen Geschäfte in den gleichen vor sich hin verrottenden Nachkriegsbebauten.

 

Will man ein Land kennenlernen,
schaut man sich die Menschen, die Kultur und die Natur an.
Diese drei Dinge spiegeln sich in der Architektur wider und
zeigen die Identität des jeweiligen Ortes und der vorhandenen Situation.
(Prof. Volkwin Marg – Architekt)

 

Was können wir demnach aus Deutschlands Bebauung über unsere Identität und Lebenssituation schließen?

 

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


Kontakt

Daniele Ludewig
Helena von Rehberg
contact@bellesophie.com
Postadresse auf Anfrage.


Kontakt aufnehmen.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben.
Ok