21. Februar 2019

Die Galerie des Herrn Semper

Die Architektur der Galerie ist faszinierend und irritierend zugleich. Sie ist die Schließung einer Baulücke am Dresdner Zwinger und wurde erst wesentlich später angebaut, weigert sich aber, sich unterzuordnen. Ganz im Gegenteil wirkt sie stattdessen wie das Hauptgebäude der gesamten Anlage.

 

Ansicht Zwingerhofseite; Eingang in Galerie und Durchgang zum Theaterplatz // Bild: © VLADJ55 / shuttertsock

 

Die „Sempergalerie“ steht am Theaterplatz in Dresden und beherbergt die Gemälde der „Alten Meister“. Tizian, Rembrandt, Correggio, Vermeer, die größte Sammlung von Cranach d.J. und Cranach d.Ä., sowie weitere große Maler werden hier ausgestellt. Auf der Homepage des Museums wird es zurecht als „Ein Gipfeltreffen europäischer Malerei“ bezeichnet.

Die Galerie ist nach ihrem Erbauer, dem Architekten Gottfried Semper, benannt und wurde 1855 eröffnet. Sie ist Teil des berühmten Dresdner Zwingers und schließt die Anlage zum Theaterplatz hin ab. Da sie gut 120 Jahre jünger ist als die anderen Gebäude des Zwingers, treffen hier zwei verschiedene Stilepochen aufeinander. Der ältere Teil wurde zwischen 1709 und 1732 im Stil des Barock erbaut. Die später dazugekommene Galerie im Stil der Neorenaissance, einer Stilrichtung des Historismus, der die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte.

 

Wen’s interessiert:
Barock ist eine allumfassende Stilrichtung und die Bezeichnung gilt für alle Bereiche wie Architektur, Malerei, Mobiliar etc.
Historismus ist der Rückgriff auf vorherige Stilrichtungen wie der griechisch-römische Antike, dem Barock, der Renaissance und der Gotik, und auch byzantinische Elemente.
Jedoch wird die Bezeichnung Historismus überwiegend auf das Bauwesen angewendet. Die Malerei und das Mobiliar unterteilen sich stattdessen in Romantik, Biedermeier, Realismus und Impressionismus. Die zeitlichen Übergänge sind dabei fließend.

  

Bei dem Aufeinandertreffen der zwei Stilrichtungen innerhalb des Gebäudeensembles des Zwingers zeigt sich, daß die gleichen Probleme, die heute bauliche Entscheidungen begleiten, auch damals genauso existierten. Wenn Baulücken geschlossen und neue Gebäude zwischen Altbestand eingefügt werden sollen, stellt sich immer dieselbe Frage: Soll sich der Neubau anpassen oder im Kontrast stehen? Unterordnen oder neue Akzente setzen?

Die Kubatur, die Materialien und die Fassadengestaltung müssen sich ergänzen, entweder, weil sie sich ähneln oder weil sie zueinander im Kontrast stehen. Besonders an den Anschlüssen, wo sich Alt und Neu am nächsten kommen oder gar berühren, zeigt sich, ob eine Harmonie zwischen den Gebäuden entsteht oder ob es immer „angesetzt“ aussehen wird.

Und als ob diese herausfordernde Aufgabe noch nicht ausreichen würde, wurde der Bau der Galerie auch noch von politischen Ereignissen und Unruhen begleitet. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts wollten die Bürger Sachsens, so wie vielerorts in Europa auch, die Monarchie mit einer Revolution komplett abschaffen. Während der Bau der Galerie in vollem Gange war, tobten in Dresden die sogenannten „Maiaufstände“ (1848/49), an denen sich der ausführende Architekt Gottfried Semper beteiligte. Hatte er dem König von Sachsen einst noch den Untertaneneid geleistet, mußte er nun aus Sachsen fliehen und sein Gebäude unvollendet zurücklassen. Doch die Galerie wurde trotzdem fertiggestellt (im Gegensatz zum Berliner Flughafen!) und beherbergt heute eine der berühmtesten Gemäldesammlung der Welt.  

 

Ausstellungsraum in der Sempergalerie // Bild: © Allik / shuttertsock

  

Fakten
Gebäudeart:              Museumsbau
Architekturepoche:  Historismus
Architekturstil:          italienische Hochrenaissance
Baujahr:                     1847 - 1854
Auftraggeber:            König Friedrich August II. von Sachsen (1797 - 1854)
Architekt:                   Gottfried Semper sowie Karl Moritz Haenel und Bernhard Krüger
Bildhauer:                  Ernst Julius Hähnel und Ernst Rietschel

 

           

Mehr Platz für die Kunstsammlung des Königs

Entstehung 

Ende 17. und Anfang 18. Jahrhundert hatten Kurfürst August der Starke und nachfolgend sein Sohn mittels Agenten europaweit systematisch Werke für ihre Kunstsammlung erworben. Seit 1747 wurden diese der Öffentlichkeit präsentiert, befanden sich zu diesem Zeitpunkt aber noch im Johanneum. Das ehemalige Stallgebäude wurde eigens hierfür ausgebaut. Die Gemäldesammlung wuchs allerdings auch unter den Folgeherrschern stetig weiter an und war knapp hundert Jahre später so umfangreich geworden, daß der König von Sachsen (Sachsen wurde 1806 vom Kurfürstentum zum Königreich erhoben) um 1840 die Planung für ein neues Gebäude in Auftrag gab.

Als Architekt wurde Gottfried Semper beauftragt: Professor an der Dresdner Bauschule und gerade mit der Umsetzung des Königlichen Hoftheaters (heutige Semperoper) beschäftigt. Nach verschiedenen Entwürfen und Standortüberlegungen wurde entschieden, daß die Galerie am Theaterplatz stehen soll – seitlich zum Königlichen Hoftheater. An jener Stelle, war die Zwingeranlage unvollendet, und seit gut 120 Jahren stand hier nur eine provisorische Holzkonstruktion. Somit wurde endlich der Zwinger durch ein massives Gebäude dauerhaft geschlossen, als auch der Theaterplatz rundherum repräsentativ gestaltet.

Dresden um 1900: Theaterplatz mit Blick auf Gemäldegalerie und Königlichem Hoftheater (rechts) / Bild: gemeinfrei

 

Bloß nicht Barock

Gestaltung 

Gottfried Semper war Vertreter und zugleich Kritiker des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Baustils des Historismus, indem von der Renaissance über Barock bis zum byzantinischen Baustil alles mit der Vorsilbe „Neo“ wieder auftauchte. Allerdings teilte man den Gebäudearten bestimmte Stile zu, um moralisch-philologische Assoziationen zu wecken. So war der griechisch-römische Stil den Parlamentsgebäuden im Sinne der Demokratie vorbehalten, die Gotik für den Bürgerstolz bei Votivkirchen und Rathäuser, die Renaissance für die humanistische Bildung bei Museen, Oper, Theater und Universitäten, und für den Handel (z.B. die Börse) venezianische Formen.

 

Daraus folgt:

Sempergalerie = Museumsbau = Bildungsstätte für das Bürgertum = italienische Renaissance.

 

Allerdings war die „Lücke“, die es zu schließen galt, keine kleine. Der neue Museumsbau würde wesentlich in die Gestaltung des repräsentativen Theaterplatzes, an dem auch noch das Schloß steht, und ebenso in die Zwingeranlage eingreifen. Die Gestaltung des neuen Gebäudes hätte eigentlich eine Anpassung an beide Situationen und zwei Stilepochen erfordert. Eine Verbindung zwischen der barocke Zwingeranlage und dem gerade errichteten Hoftheater im Stil der Frührenaissance. 

Gottfried Semper hat sich offensichtlich dazu entschieden, sein Augenmerk auf den Theaterplatz zu legen, den baulichen Kontext zum Hoftheater vorzuziehen und somit auch den angesagten Stil für Museen anzuwenden. Denn Galerie und Hoftheater sind beide im Renaissancestil erbaut. Hierdurch verändert sich aber die Zwingeranlage in ihrer ursprünglich gedachten Konzeption, denn im Barock galt die vollkommene Symmetrie als oberstes Gebot. Diese wird aber zerstört, da die Sempergalerie nicht nur in einem anderen Stil gebaut ist, sondern auch noch in ihrer Größe und Höhe alle anderen Gebäude des Zwingers überragt. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht innerhalb der Gesamtanlage.

Zwar unterscheiden sich Figurenschmuck und Skulpturen thematisch zwischen Theaterplatz und Zwingerhof, jedoch ist das zu unscheinbar, um prägend zu sein. Ebenso wenig hilft die leicht variierende Fassadengestaltung, den massiven Stilbruch zum barocken Zwingerbau zu kaschieren. Der Betrachter, der durch die Zwingeranlage spaziert, wird immer die deutliche Dominanz des 120 Jahre jüngeren Anbaus wahrnehmen. Somit avanciert die später erbaute Galerie zum Hauptgebäude der Zwingeranlage und wirkt wie ein angefügter Solitärbau.

 

Blick über den Zwingerhof auf die Sempergalerie; seitlich befinden sich die barocken Pavillons / Bild: © shutterstock 

 

Als Gottfried Semper 1849 aus Sachsen fliehen mußte, war gerade einmal das Erdgeschoß fertiggestellt. Die Weiterführung übernahmen die Architekten Karl Moritz Haenel und Bernhard Krüger. Per Briefkontakt nahm Semper Einfluß auf die Baufertigstellung der Galerie.

Trotz der Beteiligung der anderen Architekten ist Gottfried Semper der Namensgeber des Gebäudes. Er kehrte nie wieder nach Sachsen zurück.

 

 

Für die Bildung die Renaissance

Baubeschreibung 

Der Historismus (ca. 1830 – 1910) ist eine Weiterentwicklung des vorangegangenen Klassizismus (1770 – ca. 1830), dessen wesentliche Grundlage war die Hinwendung zum Ursprung der europäischen Baukunst, der griechisch-römischen Antike. Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden immer mehr vorherige Baustile aufgegriffen, so daß im Historismus fast alle Stilrichtungen wieder auftauchen, so auch die italienische Renaissance. Diese Epoche prägte das 15. Jhd. steht für ein neu erwecktes Selbstverständnis des Menschen und dessen Anspruch auf humanistische Bildung. Was liegt da näher, als eben jene Bildungsstätten des Bürgertums in Neorenaissancegebäude einzukleiden.

 

Ansicht Theaterplatz / Bild: © shutterstock

  

Die Kubatur und Fassadengestaltung der Sempergalerie sind auf monumentale Ruhe ausgelegt, auf Standfestigkeit und auf eine selbstverständlich-sichere Ordnung des Ganzen. Mit ihren 127 Metern Länge, 29 Metern Breite und 24 Metern Höhe ist sie das größte Gebäude des Zwingerkomplexes. Das verwendete Material inklusive der Bauplastiken ist sächsischer Sandstein. Seit dem Klassizismus war es üblich, vorrangig ortstypische Materialien zu verwenden.

Der Grundriß ist ein klares Rechteck, ohne Winkel oder Anbauten, mit antiken Elementen wie Säulen, Dreiecksgiebeln und Statuen zur Verzierung. Die lineare Fassadengestaltung betont stark die Horizontale. Die langen repräsentativen Fassadeseiten zum Zwingerhof und zum Theaterplatz hin, sind jeweils in 23 Fensterachsen eingeteilt, die kurzen Seitenteile in 3. Der oberer Gebäudeabschluß besteht aus einer umlaufenden „Attika“ (= Mäuerchen entlang der Dachkante) in Form einer „Balustrade“ (= Brüstung aus kleinen Säulen). 

Auch wenn die Fassade zweigeschossig gestaltet ist, so ist jedoch der Kernbau tatsächlich dreigeschossig. Die Fassade des Erdgeschosses ist mit einem kräftigen Mauerwerk ausgebildet („Rustika“). Alle Fenster sind als Rundbogenfenster gestaltet, wobei jedes zweite Fenster im Obergeschoß zur Theaterplatzseite hin einen Dreiecksgiebel besitzt. Ebenfalls nur auf der Theaterplatzseite werden die beiden äußersten Ecken des Baus durch einen aus der Bauflucht vorspringenden Gebäudeteil betont („Seitenrisalite“).

 

Mittelrisalit, Ansicht Zwingerhofseite / Bild: © shuttertsock

 

In der Mitte des Gebäudekörpers betont ein „Mittelrisalit“ den Durchgang zwischen Zwingerhof und Theaterplatz; hier befindet sich auch der Eingang in die Galerie. Der Mittelrisalit ist dreiachsig mit Fenstern, Säulen und Statuen gestaltet. Er nimmt die Achse des gegenüberliegenden Kronentors vom barocken Zwingerteil auf. Eine oktogonale Kuppel über dem Durchgang markiert die absolute Mitte der Galerie.

 

Ansicht Zwingerhofseite / Bild: © shuttertsock

 

Wie Außen so Innen

„Ikonografisches Programm“

Mit den Bildhauerarbeiten für den plastischen Fassadenschmuck wurden Ernst Julius Hähnel und Ernst Rietschel beauftragt. Das Bildprogramm der circa 120 Bauplastiken umfaßt Statuen, Zwickelfiguren, Reliefs und Medaillons, und die Darstellungen reichen von der griechischen Mythologie bis zu Bibelgeschichten und von Göttervater Zeus bis zum Dichterkönig Goethe.

Im Museumsbau des 19. Jahrhunderts war ein wichtiger Bestandteil der Fassadengestaltung, daß die Bildnisse und Skulpturen Bezug haben zu den ausgestellten Kunstwerken innerhalb des Museums. Dieses „ikonografische Programm“ zeigt demnach im Wesentlichen Personen und Darstellungen, die auch auf den ausgestellten Bildern zu sehen sind, Bezug dazu haben oder aus der entsprechenden Epoche stammen.

Die Fassadengestaltung zwischen Zwingerhof und Theaterplatz ist thematisch unterschiedlich. An der Fassade zum Theaterplatz hin befinden sich Statuen von Personen aus der klassischen Antike: Perikles, Pheidias, Lysippos und Alexander der Große. Währenddessen auf der Fassade zum Zwingerhof hin Personen aus der christlich-abendländischen Kultur dargestellt sind: Dante, Giotto, Holbein, Moliere, Schiller und natürlich Goethe.

 

Deckenrosette im Durchgang zwischen Zwingerhof und Theaterplatz / Bild: © shuttertsock

 

Ein Relief über dem Haupteingang von „Amor und Psyche“, und der Erlösung aus dem ewigen Schlaf, zeigt auch wieder eine mythologische Geschichte aus der Antike und zieht den thematischen Bogen zu der im 19. Jahrhundert schwärmerischen Kunstepoche der Romantik.

Die Ausstellungsflächen im Inneren unterliegen einer klaren Raumaufteilung. Die Wände der Ausstellungsräume sind farbig gestaltet. Das Obergeschoß bekommt sein Licht durch ein Oberlicht, so dass die Gemälde vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt sind. Glatt polierte Säulen aus schwarzem Marmor oder aus sächsischem Granit, mit ionischen und korinthischen Kapitellen mit Goldverzierung, flankieren die Eingangs-, sowie die Ausstellungshalle im unteren Geschoß.

                                  

 

Sempergalerie heute

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es stark beschädigt, wurde aber wieder aufgebaut. Aktuell findet eine Komplettsanierung statt, die die Haustechnik, den Brandschutz und den behindertengerechten Zugang betreffen. Ende 2019 sollen die Arbeiten beendet sein. 

Trotz der laufenden Renovierungsarbeiten ist die Galerie geöffnet. Ich war selbst schon mal dort und habe mir die Ausstellung angesehen. Meine Mutter war der Meinung, daß gehört zum Pflichtprogramm in Dresden ist. Mütter haben eben auch einfach mal Recht, denn ich war sehr beeindruckt, sowohl von dem Ergebnis der Renovierung als auch von den phantastischen Gemälden. Ich war nicht das letzte Mal da.

Daniele Ludewig

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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