21. Juni 2018

Meine Meinung und ein Quiz zum „typisch deutschen Baustil“

 

„Was ist denn nun der deutsche Stil?“ fragte König Maximilian II. von Bayern 1850, nachdem sich nach fast 100 Jahren Klassizismus immer noch keine eindeutig, zu anderen Nationen abgrenzende, Stilrichtung herauskristallisiert hatte. Ganz im Gegenteil: Der Klassizismus beinhaltete Stilmerkmale aus der griechischen und römischen Antike, sowie aus Gotik und Renaissance, und verbreitete sich europaweit. Und die im ab circa 1840 folgende Epoche des Historismus griff noch weitere, frühere Stilmerkmale auf, wie byzantinische und romanische. 

Klenze stand 1830 auf dem Standpunkt, dass es nur eine Baukunst gibt und geben wird, nämlich die der vollendeten griechischen Epoche. Winckelmann beurteilte bereits 1755 die Nachahmung von griechischen Werken damit, dass sie eine „edle Einfalt und stille Größe“ ausstrahlen. Ich kann dem im Übrigen nur zustimmen. 

Man sieht also, dass die Identitätssuche der Deutschen nach einem „eigenen“ Baustil nicht über die klassisch, überwiegend griechisch geprägte Baukunst hinwegkam. Fairer Weise muss man aber sagen, dass die griechischen Stilmerkmale in allen nachfolgenden europäischen Stilepochen mehr oder weniger enthalten waren. Die griechische Antike ist quasi die Mutter aller Kunststile. 

Damals, wie heute, kann die Frage aber nur unbeantwortet bleiben, denn eine klare Grenze zwischen dem Baustil unterschiedlicher Nationen kann es nicht geben. Zu oft wurden die Grenzen Europas „verschoben“ und Völker gehörten mal zu dem einen und dann wieder zu dem anderen Land. Ebenso haben sich in der Besiedelung des europäischen Kontinents verschieden Völker aus ursprünglich mal einem Stamm entwickelt, wie beispielsweise die Sachsen, die sich von Mitteleuropa bis nach England ausbreiteten, wo sie sich wiederum mit den Wikingern oder den Kelten vereinten. 

Und gleiche Stämme und Völker haben eben auch den gleichen oder zumindest ähnlichen Geschmack und ihnen gefallen eben dann dieselben Baustile. Vielleicht ist es nicht mehr, aber eben auch nicht weniger, womit man vieles im nationale Zusammengehörigkeitsgefühl erklären kann. 

Nachfolgend können Sie ja mal probieren, ob Sie anhand der Bilder die Stadt oder Region erkennen können? Die Lösung steht ganz unten am Textende.

 

1.) Klassizistische Wohnbebauung in Hamburg oder London? / Bild: © shutterstock

 

Im beginnenden 20. Jahrhundert wurde dann mit völlig anderen, nüchtern schlichten Formen der Bauhaus-Stil entwickelt. Diese nahezu unmenschlichen Wohnkartons dienten eigentlich nur der Selbstverwirklichung der Architekten und deren Wunsch, das Rad neu zu erfinden und der Welt ihren „modernen“ Stil aufzudrücken. 

Diese neue Bauform hat eher weniger mit Ästhetik und harmonischen Proportionen zu tun und ist zudem auch noch unpraktisch. Wenn eine Fensterbrüstung 1,30 m hoch ist und ich von innen kaum rausgucken kann, dann passt das vielleicht von außen in die moderne, stylische, und fast schon neurotisch strenge Fassadengestaltung, ist aber für den Bewohner völliger unsinnig. Zurecht rissen die Bewohner im Nachhinein die Brüstungen ab und vergrößerten die Fenster zu einem menschlich gerechtem Maß.

 

2.) Handwerkskunst in einer Burg aus dem 13. Jahrhundert in der Normandie oder der Eifel? / Bild: © shutterstock

 

Typisch nationaler Baustil zeigt sich eigentlich nicht in Profan- und Prachtbauten, sondern in Privat-, Bürger- und Wohnhäusern sowie der städtischen Blockbebauung. Hier sieht man dann eben auch die Unterschiede in den verwendeten Materialien. Vor allem dann, wenn die Häuser älter sind und aus einer Zeit, in der man noch ortstypische Materialien und handwerkliche Fähigkeiten verwendet hat. So entsteht eine „natürliche“ Identifikation für die Region. Wie sich der Stil dann letztendlich nennt, ist eigentlich egal.

 

„Schee muß es sein!“

 

Eine nationale und identifikationsfähige Architektur kann nur diejenige sein, die vom Volk getragen wird und mit der es sich identifizieren kann. Nur die Gesellschaft kann letztendlich entscheiden, welcher Baustil das sein kann. Neue Impulse können zwar von einzelnen Architekten ausgehen, letztendlich durchsetzen kann sich nur, was Akzeptanz bei den Nutzern, sprich der Bevölkerung, findet. Was ein bisschen das Problem mit dem heutigen Architekturangebot ist, dass anscheinend eher der Selbstverwirklichung bauwütiger Architekten und Investoren dient, anstatt den Menschen.

Verwirklicht wird sich in Profan- und Prestigeprojekten, deren glitzernde Stahl-Glas-Konstruktionen in den Himmel ragen, und der Wohnungsbau wird stiefmütterlich nach Schema F behandelt. Schuhkartons mit Flachdach und schlitzartigen Fenstern waren lange das Non-plus-ultra der modernen Wohnbebauung. Dabei ging es nicht darum ob etwas harmonisch ist, dem menschlichen Wohlbefinden oder einer bestimmten Ästhetik entspricht. Diese Art Wohn- und Monumentalbauten werden als Solitär entworfen und haben nicht den Anspruch sich „anzupassen“, „einzufügen“ oder „menschenfreundlich“ zu sein.  Eine Freundin sagte mal zu mir: „Ein Haus ohne eine Dach ist kein Haus!“. Für alle, die das auch so sehen, bedeutet das, dass die Schuhkartons von Gropius und Le Corbusier raus sind. 

Vielleicht muss man die Suche nach einem nationalen Stil angehen wie bei Günther Jauch, nämlich über das Ausschlussverfahren. Also nicht das Rad neu erfinden, sondern aus dem was da ist, das Passende raussuchen. Leider gibt es für die richtige Antwort keine 1 Million Euro :-)

 

3.) Dann wäre die Frage: „Was ist des Deutschen liebster und angenehmster Baustil?“

a) klassischer Stil / Altbau

b) historischer Fachwerkbau

c) Bauhaus-Stil

d) Glas-Stahl-Konstruktionen

 

4.) Fachwerkbau im Elsass oder Nordrhein-Westfalen? / Bild: © Drozdowski/shutterstock.com

 

 

Und, wie viele Richtige hatten Sie? 

Lösung: 

1.) London, Stadtteil Notting Hill

2.) Eifel, Nordrhein-Westfalen, Burg Blomberg

3.) Fachwerkbau (gemäß eine Umfrage vom Institut IfD / Quelle: Die Welt, 06.01.2018)

4.) Nordrhein-Westfalen, Monschau

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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