27. April 2018

Nach 35 Minuten ist Schluß

Studenten am Ende ihrer Leistungsfähigkeit

 


 

Das ist jetzt mein zweites Semester, in dem ich als Gasthörerin an der Hochschule teilnehme. Eine der Vorlesungen ist freitagmorgens: Baugeschichte. Hier wird in zwei Semestern die Entwicklung der Architektur von den Ägyptern bis zur Moderne abgehandelt. Für alle heranreifenden Architekturstudenten höchstgradig wichtig; sollte man meinen. Die Grundlagen des Häuserbauens zu verstehen und ein umfassendes Allgemeinwissen zu haben, sollte das Anliegen eines jeden sich in der Ausbildung befindenden jungen Architekten sein. Aber was ich hier erlebe, bringt mich zum Staunen; leider im Negativen. Nun habe ich einmal selbst studiert, und zwar ebenfalls an dieser Hochschule, und kann also durchaus die Veränderung beurteilen. 

Es ist also Freitag, 08.30 Uhr, die Zweitsemesterstudies erscheinen bei der ersten Vorlesung zum neuen Semester in erstaunlich hoher Anzahl, was den Professor zu einer positiven Bemerkung diesbezüglich ermutigt. Dann schaut er in die Menge, fast einhundert Augenpaare, und setzt an: „Ich möchte nochmal etwas zu der schriftlichen Prüfung letztes Semester sagen. Es ist eine Zumutung, die Hieroglyphen entziffern zu müssen, mit der hier schriftliche Arbeiten zur Korrektur abgegeben werden. Des Weiteren empfehle ich einigen, den Duden nochmals zu Hand zu nehmen und sich mit der Rechtschreibung zu befassen. Als Architekt sollte man auch Schreiben können, denn Sie müssen später nicht nur Pläne zeichnen.“ Es ist 08.35 Uhr und es herrscht Stille im Saal.

Von den schlechten Schreibkenntnissen von Schülern und Azubis hatte ich bereits von befreundeten Lehrern und Handwerksfirmen gehört und fand es absolut richtig, dass das mal jemand in solcher Deutlichkeit direkt an die Betroffenen richtet. Während ich mir ein Lächeln und ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen kann, setzt der Professor zum zweiten Teil an. (Man konnte nämlich seine Note aus der schriftlichen in einer mündlichen Prüfung verbessern.) „Von 200 Studenten sind 40 unentschuldigt nicht zur Prüfung erschienen. Dass heißt Note 5, sprich durchgefallen und nur noch eine Chance zur Wiederholung: ansonsten ist es das gewesen mit dem Architekturstudium. Sowas ist einfach dumm! 7 Studenten habe ich in der Prüfung gesagt, dass es eine Frechheit ist, mit so wenig Wissen in einer Prüfung zu erscheinen. 2 Studenten wurden Zwangsexmatrikuliert, da sie eben genau diese formalen Pflichten nicht eingehalten haben.“ 

 

Nicht ein einziges Mal während meiner Studienzeit

habe ich diesen Professor in einer meiner Vorlesungen so reden gehört.

 

Es ist jetzt circa 08.40 Uhr und man könnte eine Stecknadel fallen hören. Spätestens jetzt dachte sich der ein oder andere Student, er wäre doch besser Zuhause im Bett geblieben. Definitiv waren jetzt alle wach und einmal „eingenordet“. Und ganz ehrlich, wer diesen Warnschuss jetzt nicht ernst nahm, hat meiner Meinung nach an einer Hochschule nichts verloren. Studieren ist kein Zeitvertreib, sondern eine Berufsausbildung. So sah das wohl auch der Prof, denn den Warnschuss hatten einige wohl tatsächlich geistig nicht verarbeitet.

Zu meiner Zeit hat es diese Handymanie noch nicht gegeben, was offensichtlich für die Aufmerksamkeit des Studenten ein wesentlicher Vorteil war. Denn vor und neben mir lag das Handy seit Vorlesungsbeginn auf dem Tisch und es wurde jede SMS umgehend beantworten. Im Saal wurde es irgendwann unruhig und es wurde gemurmelt. Die zwei hinter mir redeten irgendwie über einen Umzug und wie schwer doch die Kommode war, begleitend wurden Fotos auf dem Handy gezeigt. Offensichtlich alles extrem wichtig, so dass es nicht bis zur Pause warten konnte. Die historische Architektur war offenkundig sekundär. Ich warf einen Blick auf die Uhr, da ich aufgrund des Gebrabbels dachte, es sei schon kurz vor Schluss. Dem war nicht so! 

Die Vorlesung lief gerade mal 35 Minuten. Der Prof gab ein leises und sanftes „Pschschscht“ von sich und es wurde wieder still. Je länger das geballte Fachwissen auf die Studies einprasselte, desto öfter musste ein „Pschschscht“ vom Professorenpult ertönen. Irgendwann hat auch das nichts mehr gebracht, denn obwohl selbst bei einem energischen „Pschschscht“ alle still wurden, hörten zwei Studentinnen nicht auf, sich zu unterhalten. Ein „die merken das gar nicht“ ging aus Richtung Pult circa 5 Meter Luftlinie von mir entfernt in eine der oberen Reihen. Jetzt dann doch: Die Damen unterbrachen ihr wichtiges Gespräch. „Ja, Sie meine ich“ sprach der Prof und blickte dabei mit ernster Miene nach oben. Mit einer ruhigen und souveränen Stimme fügte er an: „Wenn Sie sich unterhalten möchten, dann tun Sie das bitte draußen. Sie müssen nicht hier sein, wenn Sie das nicht möchten. Studieren ist freiwillig. Wenn Sie das hier nicht interessiert, können Sie Ihre Freizeit und Ihr Leben mit etwas anderem verbringen. Diese Störung ist respektlos mir gegenüber und derer, die hier zuhören wollen.“ Bumm! Absolute Stille im Saal. 

Für all diejenigen, die immer zweimal dieselbe Information benötigen, bis sie sie verinnerlicht haben, kam hier also nochmals die 08.35-Uhr-Standpauke in anderer Formulierung. Nun war wirklich für jeden was dabei, was zum intensiven Nachdenken anregen könnte. Bis zum Ende gab es dann auch keine größeren Störungen mehr. 

Jetzt sollte man meinen, dass derart klare Worte einen bleibenden Eindruck hinterlassen würden. Leider zeigte sich, dass es mit der Merkfähigkeit dieser Studenten nicht weit her ist. Denn eine Woche später trat dasselbe Phänomen auf. Wieder 35 Minuten nach Vorlesungsbeginn war das Aufmerksamkeitspotential dieser Anfang-Mitte-20-Jährigen erschöpft und es wurde gebrabbelt und vermehrt aufs Handy geguckt.

 

 

FAZIT

Ich gebe zu, Freitag morgens 08.30 Uhr ist ein schwieriger Zeitpunkt. Man hat bereits fünf Tage Lernen hinter sich und geistig sind manche schon im Wochenende. Und dann noch dieses frühe Aufstehen... Drei Plätze neben mir saß eine, die die Augen nicht aufhalten konnte und dringend einen Kaffee gebraucht hätte.

 

Nach dieser Erkenntnis, stelle ich mir folgende Fragen:

1.) Ein normaler Arbeitstag hat 8 Stunden: Wie soll das später mal funktionieren?!

2.) Warum können die sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren, die nichts mit Handy,

     SMS oder Internet zu tun hat?

 

 

Daniele Ludewig

 

 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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