28. August 2018

Halbnackt aus dem Haus

 

Mein Resümee über die Sommerbekleidung 2018 hat mich erschreckt und zum Grübeln gebracht. Wie wenig Kleidung oder Stoff am Körper ist eigentlich noch in Ordnung? Und sollte es nicht einen Unterschied geben, ob man zum Baggersee oder ins Büro geht? 

 

 

Letztes Jahr war es auch schon Mode, und ich glaube, in dem Jahr davor auch: Das kurze, knappe Höschen, die sogenannte Hotpants. Allerdings avancierte es 2018 offenbar zur Pflichtkleidung aller Frauen, egal welchen Alters oder welcher Figur. Und als wenn das nicht schon merkwürdig genug sei, offenbar auch egal zu welchem Anlass.

Ja, es war Sommer und ja, es war heiß wie in der Wüste Gobi. Auf dem Thermometer standen wochenlang über 30 Grad Celsius und das Deo musste zeigen, ob es was taugt. Das ist aber nichts Neues. Es gibt jedes Jahr einen Sommer in Mitteleuropa. Das haben Jahreszeiten so an sich, dass sie immer wiederkommen, ebenso wie die Hitze. Was allerdings neu ist, ist die sparsame Kleiderwahl der jungen Frauen heutzutage. Noch nie habe ich so viel nackte Haut, Pobacken und Bauchnabel auf öffentlichen Straßen, den Schulen und Büros gesehen wie dieses Jahr. Es kommt mir vor als ob enge, kurze Hosen und ebenso enge und bauchfreie Oberteile das Nonplusultra in der Sommerbekleidung 2018 darstellten.

Hemmungslos und leider ungeachtet der vorhandenen Figur werden knappe Höschen getragen, bei denen die Pobacken herausgucken und die Oberteile geradeso die Brust bedecken. Mit einem mir unerklärlichen Selbstbewusstsein tragen auch die übergewichtigen und von der Natur benachteiligten Frauen diese knappe Kleidung mit der Selbstverständlichkeit eines Topmodels. Und leider schrammt die Kleiderwahl manchmal nur knapp an der Arbeitskleidung einer Bordsteinschwalbe vorbei. Manche sehen leider nicht den Unterschied zwischen mädchenhaft unangestrengt, leicht sexy und peinlich ordinär. Da gibt es eine Staffelung, deren Kenntnis darüber „entscheidend“ ist bei der Kleiderwahl.

 

Ästhetik und Provokation

 

Ab einem gewissen Alter oder bei einer unvorteilhaften Figur werden bestimmte Kleidervarianten einfach nur peinlich. Wer hat eigentlich offiziell die Regel abgeschafft, dass nicht jede Frau alles tragen kann? Eine Frau muss doch den Unterschied sehen zwischen Cindy aus Marzahn und Giselle Bündchen. Es muss weiß Gott nicht jede Frau wie ein Topmodel aussehen und Idealmaße haben, aber sie sollte eine realistische Selbstwahrnehmung besitzen und akzeptieren, was geht und was leider eben nicht.

Es stellt sich die Frage, ob diese Mädchen und Frauen generell kein Körpergefühl oder einfach nur keinen Spiegel daheim haben. Ich bin mir auch unsicher, ob sie die Wirkung auf Männer einschätzen können, die eine gewisse Art der Bekleidung haben kann. Nicht jeder Mann respektiert, dass wenig Stoff am Körper keine Einladung zum Anfassen oder mehr ist. Gerade jetzt, wo wir wieder eine Religionsdebatte, eine Burkadebatte, eine Kopftuchdebatte und eine Frauenrechtedebatte haben, die ausgelöst wurde durch die Zuwanderung von Menschen mit rückständigen Ansichten diesbezüglich, kommen wir wahrscheinlich nicht drumherum, eine neue Kleiderdebatte zu führen.

Die weibliche Bevölkerung hat sich offenbar dafür entschieden, diese Debatte nonverbal zu führen. Frei nach dem Motto: „Jetzt erst recht und ich zeige, dass wir hier in Deutschland offen, liberal, emanzipiert und gleichberechtigt sind“, wird sich demonstrativ sparsam und offenherzig gekleidet. War früher noch ein gesundes Mittelmaß normal, sind es heute die Extreme, die als normal gelten sollen. Zwischen halbnackt und bis zur Unkenntlichkeit verhüllt soll alles möglich sein dürfen und akzeptiert werden.

Aber ist alles liberal zu sehen und uneingeschränkt akzeptieren zu müssen nicht auch eine Form von Zwang? Kann man nicht irgendwann mal sagen: „Nein, das gefällt uns nicht? Weder wollen wir entblößte Pobacken sehen noch schwarze Gespenster.“ Ist es also vielleicht wieder an der Zeit für eine Kleiderordnung? Wir dachten doch, wir hätten uns davon gelöst, dass es Vorschriften gibt für Männer, für Frauen, für die oberen und die unteren Stände, für die Dienstboten und die Arbeiterklasse.

 

 

Ab wann ist wenig falsch?

 

Es gibt nicht nur „zu wenig“, es gibt vor allem auch „falsche“ Kleidung. Denn der Satz „Kleider machen Leute“ ist zwar alt aber tatsächlich immer noch gültig. Einige versuchen das vehement zu ignorieren – bringt aber nichts! Was viele, vor allem junge Menschen, offenbar nicht mehr verstehen, ist die Tatsache, dass es einen Unterschied zu geben hat, zwischen Freizeit- und Bürokleidung. Aber offenbar wird es Ihnen nicht mehr beigebracht und auch nicht mehr vorgelebt, damit sie es verinnerlichen können. Väter wollen ewig Buben bleiben und weigern sich, Männern zu sein und Mütter konkurrieren mit ihren Töchtern. Lächerlich, wenn Sie mich fragen.

Mein erstes eindeutiges Erlebnis zum Thema falsche Kleidung am Arbeitsplatz hatte ich vor ein paar Jahren. Meine Kollegin und ich hatten einen beruflichen Termin bei einer Veranstaltung. Dementsprechend waren wir chic, aber dezent in Stoffhose, leichte Absatzschuhe und ein schlichtes Oberteil gekleidet. Für den Empfang und die Anmeldung der Gäste kam eigens eine Mitarbeiterin der veranstaltenden Firma. Die junge Frau, ungefähr Mitte 20, kam in einer ziemlich kurzen Jeanshose, einer durchsichtigen Bluse mit kleinen Blümchen drauf und dazu ein paar Flip Flops.

Ja, es war Sommer und es war warm draußen, aber muss man da zur Arbeit gehen in der selben Klamotte, in der man zum Baggersee geht? Es kam wie’s kommen musste, die ersten Gäste trafen ein und kamen zielstrebig anstatt zu ihr zu meiner Kollegin und mir, um sich anzumelden. Wir beide sahen halt eben nach „Arbeit“ aus und nicht nach Mädchen in Freizeitkleidung.

Es dauerte nicht lange und klein Lieschen war pikiert, dass sie offenbar missachtet wurde und kam in ihren Flip Flops zu uns rüber gewatschelt. Sie möchte, dass die Gäste erst zu ihr kommen, um sich anzumelden, und wir sollen sie zu ihr rüber schicken, war ihre Aufforderung in einem bemüht erwachsenen Ton. Jetzt gab es für mich zwei Möglichkeiten: a) ein Professionelles „Selbstverständlich, kein Problem“ oder b) ein eher Direktes „Sieh dich mal an, dann uns und dann frag dich mal woran das liegen könnten, dass du nicht für voll genommen wirst“. Weil ich eine höfliche und professionelle Angestellte bin, und im Nachgang keinen Stress mit meinem Chef wollte, wählte ich Variante A, auch wenn B wahrscheinlich besser gewesen wäre, damit klein Lieschen mal was lernt. Denn offensichtlich haben bei der Erziehung dieser jungen Frau drei Instanzen ihren pädagogischen Auftrag nicht erfüllt: die Eltern, die Lehrer in der Schule und zu guter Letzt der Arbeitgeber, der sie so zu einem Geschäftstermin gehen lässt.

 

 

Nachdem ich gerade vor ein paar Wochen wieder bei einem Geschäftstermin Frauen in knappen, kurzen und definitiv zu engen Höschen gesehen habe, an denen die Cellulitis an den Seiten herausquoll, und wenn sie sich bückten der Stringtanga zu sehen war, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Deutschland modetechnisch verwahrlost. Die Frauen heutzutage haben offensichtlich keinen Sinn mehr für angemessene Kleidung – von Ästhetik will ich gar nicht erst anfangen – oder es soll ein Statement des Protestes sein, dass ungeachtet der Figur und des Anlasses alles getragen werden kann.

Ehrlicher Weise muss ich gestehen, dass ich nicht finde, dass nur eine Frau mit schlanken, glatten Beinen das Recht haben sollte, im Sommer kurze Hosen zu tragen. Jede Frau sollte bei 35 Grad Celsius im Schatten luftige Kleidung tragen dürfen. Nur weil es nicht schön aussieht, soll sie sich einschränken? Das ist auch falsch. Allerdings finde ich, dass es weiterhin einen Unterschied zwischen Freizeit und Arbeit geben sollte. Und da möchte ich auch von der Schlanken nicht die Farbe des Stringtangas oder den halben Hintern sehen müssen. Ich möchte das einfach nicht, das ist zu viel ungewollte Information über eine Fremde.

Jetzt wird es wieder kühler und das Problem mit der kurzen, knappen Kleidung hat sich vorerst erledigt. Und wenn nächstes Jahr wieder der Sommer kommt, dann werden wir sehen, ob es noch eine Steigerung in Sachen „wenig bekleidet“ gibt. Vielleicht gilt dann der Bikini als bürotauglich? Ich hoffe allerdings nicht!

 

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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