27. November 2017

Quelle: portlandmercury.com

 

Filmkritik

"Human Flow"  

 

Genre: Dokumentation

Thema: Flüchtlingsbewegung

Über ein Jahr lang hat der in Berlin lebende chinesische Konzeptkünstler und Regimekritiker Ai Weiwei mit zwei Dutzend Teams überall in der Welt die größte Völkerwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg filmisch festgehalten; oder besser noch „begleitet“. Er nimmt den Zuschauer mit durch halb Europa, in den Libanon, nach Bangladesch, Afghanistan, Afrika, Idomeni, Calais oder auch zum Flughafen Berlin Tempelhof.

 

„65 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. 1,3 Millionen sind

alleine in Jordanien gestrandet, über eine Million jeweils in Italien und Griechenland.“   (Quelle: zeit.de)

 

140 Minuten lang hat man Gelegenheit, seinen Gedanken und Gefühlen zu diesem Thema freien Lauf zu lassen. Es sind andere Bilder als die, die wir in den Nachrichten zu sehen bekommen. Zu einem Teil überlassen sie uns die Möglichkeit, eine eigene Meinung dazu zu finden, zum anderen ist der erhobene Zeigefinger des Regisseurs aber deutlich spürbar. Von daher ist es für mich keine reine Dokumentation mehr, sondern mit persönlicher Stellungnahme des Machers belastet, die da heißt: „Kümmert euch mehr, seht ihr nicht das Elend.“ Doch, das Elend ist deutlich sichtbar, aber eben auch die schier unlösbare Aufgabe.

Natürlich versteht man die Beweggründe der Flüchtenden. Um eine Dokumentation zu sein, müsste sie aber auch die Beweggründe der Menschen aufzeigen, denen diese Massenzuwanderung Sorge bereitet und warum. Zu zeigen, warum sich junge Männer radikalisieren und an unser Mitgefühl zu apelieren, aber zu verleugnen, dass deren für uns unverständliche Ideologie bedrohlich ist und Menschenleben kostet, wegzulassen, ist zu verklärt einseitig. So entwickelt der Zuschauer unter Umständen eine Abwehrhaltung gegen diesen einseitig moralischen Apell.

Manchmal ist es schwer auszuhalten, nicht direkt in eine kritische Diskussion zu der aktuellen Flüchtlingskrise gehen zu können. Es gibt eben nicht nur Elend, sondern auch Bedrohlichkeiten, die von einer Völkerwanderung dieser Größenordnung ausgehen. Und es gibt eben nicht nur die Rechte und Bedürfnisse der Hilfesuchenden, sondern auch die der Helfenden. Diese Perspektive vernachlässigt der Film. Vielleicht blieb er deswegen unprämiert auf dem Filmfest in Venedig, wo er in das Rennen um den Goldenen Löwen ging.

Am Ende verließ ich das Kino mit dem Wissen, dass meine Bedenken sich bestätigten: Herbst 2015 war erst der Anfang und diese Massenwanderung „geordnet zu steuern“, wie es in der Politik so schön heißt, wird wahrscheinlich eine schwer lösbare Aufgabe.

 

Filmstart in Deutschland war der 16. November 2017.

Daniele Ludewig

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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