26. Oktober 2017

Das Leid mit der Leitkultur

Vom Recht auf eine nationale Identität

 

 

Bei der Vorbereitung auf ein Thema lobe ich mir das Internet. Man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Diskurs mit anderen Meinungen und Ansichten gehen, ohne einer eventuell schwierigen Auseinandersetzung mit einem Gegenüber direkt ausgesetzt zu sein. Und die Diskussion über eine Leitkultur in Deutschland scheint eine sehr schwierige zu sein. Also gab ich das Wort „Leitkultur Deutschland“ in google ein und war positiv überrascht, wie viele Artikel dazu bereits veröffentlicht wurden; in TV-Sendungen hingegen wird dieses Thema nicht mehr aufgegriffen. Die ZEIT, der SPIEGEL und auch die WELT haben sich dieses Themas bereits angenommen. Allerdings ohne Resultat. Keiner kommt zu einer klaren Aussage oder bezieht eindeutig Stellung. Bis zu einem gewissen Grad bleiben alle schwammig. Die Deutschen tun sich anscheinend schwer mit einer selbstbewussten Definition über sich selbst.

Auf der Seite des BMI (= Bundesministerium des Innern) ist der Artikel der BILD am Sonntag abgedruckt indem sich Thomas de Maizière zur Leitkultur äußert. Er beginnt mit dem sogenannten „Verfassungspatriotismus“, welcher die Achtung unserer Verfassung, unserer Demokratie und Deutschland als Rechtsstaat betrifft. Und da fängt es dann auch gleich an absurd zu werden: 1.) haben wir nur ein Grundgesetz und keine „Verfassung“, was per se etwas anderes ist, 2.) haben andere Länder auch eine Verfassung oder Grundgesetz und leben ihre Demokratie in Wahlen aus und 3.) ist das mit dem Rechtsstaat seit Merkel-Herbst-2015 und dem nachhaltig desaströsen Umgang mit der Massenzuwanderung ziemlich umstritten. 

Generell sind das aber alles Dinge, die mir bei der Frage „was ist typisch deutsch oder was macht uns als Deutsche aus?“, niemals eingefallen wären. Die Griechen und Römer hatten schon Demokratien als wir hier noch in kleinen Stammesverbänden in Hütten gelebt haben; das ist doch nicht typisch deutsch. Demokratie, Rechtsstaat und ein Grundgesetz als Definition der Leitkultur in Deutschland zu benennen, ist äußerst bizarr. 

Leider kommt Herr de Maizière in seinem Artikel – abgesehen vom „in Deutschland üblichen Händeschütteln auch von Frauen!“ – nicht über den Verfassungspatriotismus hinaus und bietet letztendlich auch keine klare Meinung zur Leitkultur an. Seine kürzliche Äußerung über die Einführung muslimischer Feiertage in Deutschland zeigt auch, dass er die Brisanz dieses Themas in unserer Gesellschaft immer noch nicht wirklich verinnerlicht hat. 

Meine Herangehensweise an dieses offenbar heikle Thema ist eine völlig andere: In „Leitkultur“ steckt das Wort „leiten“ drin. Es sollte also eine Debatte über das sein, was uns „leitet“ und ist demnach doch in Wirklichkeit die Suche nach unserem gesellschaftlichen Umgang, der unser Zusammenleben regelt und es harmonisch macht. Bis jetzt gibt es allerdings (fast) nur verzweifelte und missglückte Definitionsversuche, die zeigen, wie weit wir uns gesellschaftlich schon im Wissen um das Deutschsein entfernt haben, und dass wir es anscheinend gar nicht mehr genau wissen. 

Vielleicht wäre es einfacher, wenn man es „Identifikationskultur“ nennt? Also worin erkennt man sich wieder als Mensch? Wer und wie sind wir? Da geht es um spezifische Eigenarten, Fähigkeiten, Umgangsformen und Erkennungsmerkmale, sowohl im Verhalten als auch optisch. Meine Suche beginnt da in der Geschichte, in Traditionen und Mentalitäten. Beispielweise spielt dabei Erziehung und zwischenmenschliche Umgangsformen eine ganz wichtige Rolle. Die Deutschen tun sich aber leider schwer damit, solche Dinge zu benennen, geschweige denn, darauf zu bestehen, dass diese eingehalten werden. Fragen Sie mal in Frankreich, Italien oder aktuell in Katalonien nach. Da werden Sie klare Antworten bekommen.

Der Autor Bassam Tibi sagt in seinem Buch „Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“, dass zu jeder Identität eines Volkes auch eine Leitkultur gehöre. Leider würden die Deutschen über solch eine Kulturidentität nicht verfügen. Dem möchte ich insofern widersprechen, dass wir sehr wohl Eine haben, aber wir uns seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr trauen, sie selbstbewusst zu benennen.

Das nationale Schulderbe der vermeintlich ewig bösen Deutschen macht eine offene und unbelastete Diskussion schier unmöglich. Das fängt an bei der Verwendung von bestimmten Wörtern, auf denen Dogmen liegen und geht weiter bis zu der sofortigen Verurteilung als Rassist oder Rechtsradikaler, wenn man Multikulti, eine grenzenlose EU und Globalisierung nicht großartig und „einfach geil“ findet.   

Tatsächlich entsteht doch aber gerade in einer multikulturellen Gesellschaft ein Werteverlust, da keiner mehr weiß, wie er mit dem anderen umgehen soll. Gelten die Regel und die Umgangsformen des Landes – wobei man dann deutlich welche definieren sollte! – oder die mitgebrachten Kulturregeln des Menschen, der in dem Land lebt. Bis jetzt ist das in Deutschland nicht wirklich eindeutig geklärt und so muss man sich ständig zurücknehmen und aufpassen, dass man nichts falsch macht und politisch korrekt bleibt. 

In Deutschland tolerieren wir uns doch bis zur Selbstaufgabe zu Tode. Ein nationales Selbstbewusstsein steht uns anscheinend nicht zu. Die Lebensformen anderer sind durch unsere aufoktroyierte Toleranz geschützter wie die unseren. Irgendwann müssen wir mal wieder den Mut aufbringen hierzu klar Stellung zu beziehen.

 

 

Sommer 2006:  Fußball WM / Jürgen Klinsmann und die Deutsche Mannschaft haben uns was zurückgebegeben, was lange brach lag: Das Geschenk des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Aber auch damals gab es Leute, u.a. einen türkischen Kabarettisten, der das gemeinsame Jubeln für „Die Mannschaft“ verurteilte.

 

Einige Politiker, darunter natürlich die Grünen, verurteilen bereits die Diskussion selbst über die Leitkultur, ja sogar das Wort an sich. „Allein schon die Forderung nach einer Leitkultur widerspreche einer freiheitlichen Demokratie“. Wie kann freies Denken und freier Meinungsaustausch der Demokratie widersprechen?! Ist es nicht das, was Demokratie ausmacht? Steht in unserem Grundgesetz Art. 5 nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung? Das Verbot über Leitkultur auch nur diskutieren zu dürfen, verstößt letztendlich gegen die Menschenwürde, die auch im Grundgesetz geregelt ist: Nämlich die Würde der Deutschen sich definieren zu dürfen. Das Fehlen von definierten Regeln führt doch nur dazu, dass keiner mehr weiß, „wer“ er ist und wo er dazugehört. Und ein Zugehörigkeitsgefühl braucht der Mensch, das ist seit Jahrtausenden so. Das ist das Einmaleins der Soziologie und nicht neu!

 

Harmonisches Zusammenleben durch gleiche Werte

 

Der Mensch braucht eine überschaubar große Gruppe, quasi eine Herde, zu der er sich zugehörig fühlt und wo das Zusammenleben aufgrund gleicher Verhaltensweisen, die nicht permanent erklärt, gerechtfertigt oder diskutiert werden müssen, harmonisch ist. Und genau das ist das Problem mit der Globalisierung, multikulturellem Zusammenleben auf engem Raum, sprich einem Land, und der Idee von einem „einheitlichen“ Europa. Viele Menschen fühlen sich mittlerweile nicht mehr wohl. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch in Italien, Frankreich oder England. Der Brexit, das Ergebnis der letzten Bundestagswahl und der Ausgang der österreichischen Wahl sind ein Resultat dessen. Wir Europäer sind untereinander schon so unterschiedlich, dass die massenhafte Zuwanderung aus Afrika und Vorderasien schlichtweg überfordernd ist. 

Es sei auch mal die Frage erlaubt, wieso eigentlich nur der Wunsch nach Multikulti oder „bunt“, wie es die Grünen immer so verklärt bezeichnen, gesellschaftlich und politisch korrekt ist? Europaweite Abspaltungsdebatten, niedergeknüppelte Wahlversuche und ein politischer Rechtsruck sind Ausdruck einer Gesellschaft, die eine Vereinheitlichung ihrer Werte und somit ihrer jeweiligen Kulturidentität schlicht und ergreifend nicht möchte.

 

Bayern: traditionell bemaltes Haus bei Elmau / Während des G7-Gipfels 2015 äußerten sich einige Politiker abwerten über die bemalten Häuser und die Trachten dort: „Es wäre kitschig und sähe aus wie in Disneyland“.

 

Wenn „deutsch sein“ nicht definiert werden darf und somit keinen Inhalt mehr hat, sondern nur noch als Bezeichnung der Staatsangehörigkeit dient, dann werden wir mit Sicherheit gesellschaftliche Unruhen bekommen, Parallelgesellschaften und Anfeindungen; es passiert ja bereits! Will man also weiterhin mit anderen Menschen und Kulturen friedlich zusammenleben, muss diese Debatte geführt werden.

Im Sinne einer zielführenden Diskussion stelle ich hier gern die Ergebnis aus mehreren Gesprächen mit mir selbst, Freunden, Familie und Bekannten zur Verfügung:

 

  1. Ganz wichtig ist das Beherrschen der deutschen Sprache. Und zwar nicht irgendwelches Kauderwelsch, kein Türkendeutsch oder Mischformen wie Denglisch, sondern ordentlich gesprochenes Deutsch; und gerne auch in Schriftform. Leider ist das bei deutschen Kindern heutzutage auch schon schwierig.

 

  1. Anständiges Benehmen und gute Umgangsformen sind Grundlage jedes Zusammenlebens. Das fängt dabei an, dass Frauen selbstverständlich die Hand gegeben wird und endet bei einem respektvollen Umgangston, egal ob privat oder beruflich. Ein weites Feld, was seit längerem völlig vernachlässigt wird.

 

  1. Anwendung der „Sie“-Form: Die deutsche Sprache erlaubt einen Unterschied zwischen Kumpel und Chef. Heutzutage wird man dauernd von jedermann geduzt. Das möchte ich nicht, denn da geht zu viel natürliche Distanz und Respekt verloren.

 

  1. Preußische oder deutsche Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnung, Höflichkeit. Dafür waren die Deutschen einmal sehr bekannt und sind immer vorweg gegangen bei Erfindungen, in der Wirtschaft und generell bei Arbeitseinstellung.

 

  1. Schulbildung: Die Anforderungen an Schüler wurden in den letzten Jahren nach unten geschraubt, damit mehr Kinder Abitur machen können, und wir im internationalen Vergleich nicht so schlecht abschneiden. Zusätzlich sparen wir an der Anzahl von Lehrern. Skandalös! Unser oberstes Ziel muss sein, Kinder gut auszubilden und sie zu klugen und lebensfähigen Menschen zu erziehen.

 

  1. Kulturgut bewahren: Wir sind das Land der Dichter und Denker. (Man beachte die Verbindung zu Punkt 1. und 5.) Goethe, Schiller, Lessing und generell alles was mit klassischer Musik, Kunst und Kultur zu tun hat, ist erhaltenswert. Dazu gehören vor allem auch unsere historischen Gebäude, die unsere Vorfahren erbaut haben und die unsere Geschichte erzählen. Fachwerkhäuser, Burgen und Schlösser sind optische Kulturausdrücke. Jedes Land hat solch typische Bauweisen, an denen man erkennt, wo man sich gerade befindet. Moscheen und Minarette gehören nicht zur typisch deutschen Bauweise.

 

  1. Sitten und Gebräuche: Die Wiener Kaffeehauskultur ist zum „nationalen immateriellen Kulturerbe“ der UNESCO erklärt worden. Daran sieht man, dass typische gesellschaftliche Praxen erhaltenswert sind. Bei uns gehören Volksfeste, Trachtenmoden und bestimmte Feiertage genauso dazu wie Sauerkraut, Klöße und die Kaffee-und-Kuchen-Zeit um 15.00 Uhr.

 

  1. Unsere Ingenieursleistungen und unser Erfindergeist machte und macht uns zu einem der erfolgreichsten Länder der Welt. Wir liegen bei den Patentanmeldungen in Europa auf Platz 1 und weltweit auf Platz 3. Wir sind schon Auto gefahren, da sind andere Nationen immer noch auf Pferden geritten. An dieser Stelle auch einen schönen Gruß an unsere Manager der Autoindustrie: Ein Zurückfinden zu einem anständigen und verantwortungsvollen Verhalten wäre wünschenswert!

 

  1. In Deutschland gelten die zivilisierten Verhaltensformen Mitteleuropas. Weder darf eine Frau hier minderwertig behandelt werden, geschweige denn von irgendjemandem angegrabscht oder vergewaltigt werden. Die Entschuldigung des kulturell „anderen“ Hintergrundes ist unentschuldbar. Schon kleinste sexuelle Übergriffe jeder Art sind hart zu bestrafen.

 

  1. Bei einem Polizeieinsatz in einer Moschee ist nicht darüber zu diskutieren, ob die Polizisten ihre Schuhe auszuziehen haben. Die Antwort ist „Nein“, das müssen sie nicht. ENDE! Des Weiteren ist die Vollverschleierung mit der Burka in Deutschland grundsätzlich zu verbieten; auch wenn die Frauen nur vorübergehend zwecks Schönheits-OP’s hier sind. Das hat auch was mit Pkt. 9 zu tun und dem Respekt gegenüber Frauen. Bei uns müssen sich Frauen nicht „verstecken“.

 

All das sind Dinge (und mir würde noch viel mehr einfallen), auf die wir entweder Stolz sein können, die wir wertschätzen oder konsequent erhalten sollten. Wir müssen wieder lernen darauf zu bestehen, dass wir ein Recht haben auf ein nationales Selbstverständnis und eine deutsche Identität. Denn der Wunsch sich selbst zu erhalten und friedvoll zusammenzuleben ist ebenso ein Grundrecht, wie Meinungsfreiheit und Würde. Warum sollten sich also Menschen, die dazu eine Meinung haben, als Rassisten stigmatisieren lassen?

 

Und all denen, die mit unseren Regeln nicht klar kommen, möchte ich mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe entgegnen:

 

                                „Wer sich den Gesetzen nicht fügen will,

                              muss die Gegend verlassen, wo sie gelten.“

Helena von Rehberg 

 

Reichstagsgebäude in Berlin mit Inschrift von 1916 über dem Eingang

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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