19. Februar 2017 

DIE NARREN SIND LOS!

 

Rosenmontagszugzug in Mainz mit den typischen „Schwellköpp“. / Bildquelle: worldtravellist.com

 

An Fasching, Karneval oder auch Fastnacht genannt, verkleiden sich Feierwillige mit bunten Kostümen und machen die Straßen unsicher. Als Hexen verkleidete Hausfrauen schneiden Männern die Krawatten ab, Krankenschwestern in kurzen Röcken flirten mit Mönchen und Narren werfen mit Bonbons. Die Menschen sind außer Rand und Band und feiern ausgelassen miteinander, mit teils sehr viel Alkohol, aber vor allem viel Spaß. Dieses Trinkgelage und das gleichgesinnte Feiern haben eine lange und alte Tradition. 

Heute eher zum Kostümfest (und Komasaufen) reduziert, hat Fasching ursprünglich eine christliche Bedeutung. Es läutet die Fastenzeit ein, die am Aschermittwoch beginnt und bis Ostern andauert. Es ist die Zeit des Frohsinns, des Tanzes, der Maskerade und der Vergnügungen, und es darf nochmal richtig gegessen und getrunken werden, bevor die körperliche Askese beginnt. Daher leitet sich auch die Bedeutung des Wortes ab: „Karneval“ mittellateinisch für "carnelevale" (=Fleischwegzeit) und „Fastnacht“ aus "fasta" (=Fasten) und "naht" (=Nacht, Vorabend).

Die verschiedenen Ausdrücke wie zum Beispiel Karneval im Rheinland, Fastnacht oder auch Fasenacht in Mainz und Fasching in Bayern und Österreich, haben etwas mit den ehemaligen Siedlungsstämmen, Sprachen und Besatzungsvölkern zu tun. Die Hochburgen der Narren liegen eher in katholisch geprägten Gegenden, sprich überwiegend in Süd- und Westdeutschland. Einzig Braunschweig im Norden stellt mit dem viertgrößten Fastnachtsumzug nach Köln, Düsseldorf und Mainz eine Ausnahme dar. Die Reformation stellte die vorösterliche Fastenzeit in Frage und so ist beispielsweise das Lutherland Sachsen relativ narrenfrei und nicht so vom Fasching geprägt.

 

Fasching in Bayern mit ortstypischen Kostümen. / Bildquelle: Merkur.de

 

Ich hatte mal irgendwo gelesen, dass die Tradition des Faschings im Mittelalter liegt und die Vertreibung des kalten und unfruchtbaren Winters war. Diese Bedeutung ist genauso richtig, wie die des Einläutens der christlichen Fastenzeit. Die Bevölkerung verkleidete sich als Geister, Kobolde und unheimliche Gestalten und machte viel Krawall und Lärm. Hier haben sich vorchristliche Riten und Bräuche erhalten, beispielsweise solche der keltischen Religion.

Die Kölner Bürgerschaft begründete 1823 die heute noch existierende Tradition des rheinischen Karnevals mit einem ernannten Karnevalsprinz, einer Kappensitzung (= Karnevalssitzung), einem Festrat („Elferrat“ = elf Personen), Büttenreden, Funkengarde und vor allem dem Rosenmontagszug. Traditionell ist dieser politik- und zeitkritisch und dient als „Ventil“ für die Kritik an der Obrigkeit, wie zum Beispiel im 15. Jh. gegen die kirchliche Institutionen oder Anfang 19. Jh. gegen die französische Besatzung im Rheinland. Die Verhöhnung der Machthaber und der amtierenden Regierung in humoristischer Weise hat sich bis heute erhalten und ist auch für den Zuschauer mit unter sehr befreiend.

 

Bildquelle: www.grossplastiken.de

 

Am Donnerstag vorm Karnevalwochenende ist „Weiberfastnacht“ und da sollten Männer besser keine teuren Krawatten tragen. Denn an diesem Tag ist es Brauch, dass Frauen den Männern die selbige als Symbol der männlichen Macht abschneiden. Als Entschädigung gibt’s ein Küsschen. Die Erstürmung der Rathäuser durch die Frauen ist in vielen Städten und Gemeinden im Rheinland Tradition geworden und als symbolische Machtübernahme zu verstehen. Mir würde auch der ein oder andere schamlos-überbezahlte Manager einfallen, dem ich gern die Edelkrawatte abschneiden würde, allerdings ohne das anschließende Küsschen!

Seit dem 19. Jh. beginnt die Faschingszeit offiziell am 11.11. (Martinstag) um 11:11 h. Ursprünglich gab es auch ab diesem Tag eine Fastenzeit vor Weihnachten. Heutzutage feiert man einfach durch und verzichtet auf das vorweihnachtliche Fasten: ein guter Kompromiss, würde ich sagen J Das Ende von Karneval, Fasching oder Fastnacht und dem Verkleiden, ist der Aschermittwoch. 

Im Jahr 325 n.Ch. wurde das Osterdatum auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgelegt und Fasching ist immer sieben Wochen davor. Um 600 legte der damalige Papst eine 40-tägige Fastenzeit vor Ostern fest, die an die Zeit erinnern soll, die Jesus Christus in der Wüste verbracht hat. Und weil wahrscheinlich 40 Tage Enthaltsamkeit ein bisschen zu lang waren, wurde im Jahr 1091 passend gemacht, was nicht passte. Die sechs Sonntage vor Ostern wurden vom Fasten ausgenommen! Um dennoch auf vierzig Tage zu kommen, rückte der Beginn der Fastenzeit nach vorne auf den heutigen Aschermittwoch. 

Egal ob man Christ ist oder Atheist, den Körper zu entschlacken und dabei zu wissen, dass man sich einem größeren Ganzen anschließt und einer jahrhundertealten Tradition, macht die Enthaltsamkeit vielleicht einfacher. Ich habe schon mehrfach gefastet, auf verschiedene Arten. Aber immer nur 1 bis maximal 2 Wochen. Länger ging für mich nicht! Dieses Jahr werde ich mal was Neues ausprobieren und mich dem großen Ganzen anschließen. Zwar nicht aus christlichen, sondern aus körperlich-entgiftenden Gründen, aber ich freu mich jetzt schon auf die Sonntage :-)

 

Die Masken in Venedig haben ihren Ursprung im Theater, dem „Commedia dell’arte“. Die Kostüme erinnern an die Zeit des Rokoko, der Hochblüte des venezianischen Karnevals. Fand im 19. Jh. der Karneval in der Stadt so gut wie gar nicht mehr statt, wurde er 1976 als Tourismusattraktion passend zur Biennale von den Hotelbesitzern wiederbelebt.
Daniele Ludewig 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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