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23. September 2018

Das gestohlene Dirndl

Wenn Tradition zur Farce wird

  

 

Es ist wieder soweit: In München findet vom 22.09. bis zum 07.10.2018 das Oktoberfest statt. Die sogenannte Wiesn ist weltweit bekannt wie ebenso berüchtigt wegen des hohen Bierkonsums. Ursprünglich aus einer Festivität zur Hochzeit des bayrisch-königlichen Brautpaares 1810 entstanden, ist es heute zu einer Konsumveranstaltung geworden, bei der die Tradition droht zum Kitsch und zum Saufgelage zu verkommen.

Das Dirndl und die Lederhose haben in Bayern anders als in anderen Bundesländern noch immer einen hohen Stellenwert und werden von den Bayern mit Stolz und gleichzeitig einer selbstverständlichen Lässigkeit getragen. Das Problem: Jeder Japaner, Chinese und jede Russin oder Spanierin trägt auf der Wiesn eben auch genau jene Traditionskleidung. Obwohl sie nichts mit Bayern und deren Heimatgefühl zu tun haben, übernehmen die Ausländer, Zugereisten und Feierwütigen diese ortstypische Kleidung, die ja schon Symbolcharakter hat und im Ausland als allgemein deutsch gilt.

Die Chinesen sagen, indem sie etwas nachmachen und kopieren, würden sie es wertschätzen. Wenn aber jeder nachmacht, was eigentlich nur bestimmten Leuten vorbehalten ist oder einer traditionellen Zugehörigkeit bedarf, ist das dann noch Wertschätzung oder wird es damit nicht tatsächlich entwertet? Der Bezug der Personen zu diesem äußerlichen Symbol des Dirndls und der Lederhosen fehlt völlig und wird aber von jedermann verwendet und somit eigentlich zu einer reinen Verkleidung degradiert.

Ich gestehe, ich habe drei Dirndl, bin aber keine Münchnerin oder Bayerin und lebe auch nicht dort. Einzig mein Beruf und mein Gefallen an München führen mich immer wieder dorthin. Also warum wollte ich Dirndl tragen? Einfach weil es mir gefiel. Ich bin eine Frau und fand, das Dirndl ist ein schönes Kleid. Mir gefielen die Frauen darin und ihre weibliche Ausstrahlung und somit wollte ich auch ein solches Traditionskleid haben!

 

 

Als ich das erste Mal loszog und in einen Dirndlladen in München ging – Traditionshaus und keine Billigware versteht sich –, war ich mir nicht sicher, ob mir diese Art der Kleidung an mir überhaupt gefällt. Die Auswahl war riesig und es schwebte auch latent diese Unwissenheit über mir, wie denn so ein Dirndl „richtig“ zu tragen ist. Denn man kann es auch „falsch“ tragen – ja, das geht und der echte Bayer entlarvt die auswärtige Dirndlträgerin an bestimmten Details sofort. Also fragte ich mich, ob ich das will, ob ich mich anbiedern möchte, indem ich fremde Traditionskleidung trage? Ich war mich unsicher.

Nach einer Weile des Umschauens im Laden verschwand ich mit ein paar Dirndln in der Umkleide und probierte das erste an. Just in diesem Moment waren alle Zweifel hinfortgeweht auf nimmer Wiedersehen. Denn dieses Dirndl war nicht irgendein Kleid, es war eine weibliche Offenbarung. Schon beim Anziehen und dem verschließen des Mieders, das aus einem Stoff mit guter Qualität war, bemerkte ich dieses frauliche Gefühl in mir aufkommen. Es schmiegte sich um meine Taille, brachte den Busen in eine schöne Form und der knielange Rock schwang schön hin und her. Kurz: Es trug sich fantastisch. Vor den Spiegel getreten war klar, hier geht es jetzt nur noch um die Frage welches Dirndl – oder ob zwei oder drei – und nicht mehr um das ob überhaupt.

Keine Ahnung wie lange ich in diesem Geschäft war, in dem sich eine nette Verkäuferin geduldig um mich als Auswärtige mit Nachhilfebedarf gekümmert hat, aber die Auswahl an Farben und der passenden Schürzen und Blusen war enorm. Braunes Dirndl mit hellblauer oder rosa Schürze, grünes Dirndl mit roter Schürze und die Bluse schulterfrei und mit oder ohne Spitze? Das kann dauern! Eines war schnell klar: Ein schwarzes Dirndl kann an der falschen Frau schnell frivol oder düster aussehen, deswegen konnte ich zumindest diese Farbe ausschließen.

So ein gut sitzendes Dirndl macht etwas mit einer Frau. Hinfort mit schnöden Jeans und T-Shirts und her mit Kleidern, die die Taille betonen, den Busen zur Geltung bringen (es geht hier nicht um XXL-Brüste, weiblich soll es aussehen, nicht nuttig) und der Rock verspielt um die Beine schwingt. Ein Dirndl drückt unschuldige Weiblichkeit aus. Immer vorausgesetzt, es ist nicht zu kurz, der Busen fällt nicht raus und es ist in manchen Fällen eben nicht schwarz.

Es macht so einen Wiesnbesuch auch einfacher, denn mit einem hübschen Dekolleté findet frau schneller einen Platz, weil sie sich gern dazusetzen darf an einem von Männern besetzten Tisch. Es ist so, warum soll man da drumherum reden.

 

 

Leider verkommt aber dieses wunderschöne Kleidungsstück in manchen Fällen und an mancher Frau zur Banalität. Die rot-blauen und viel zu kurzen Baumwolldinger von der Stange aus dem Bahnhofsladen für schmales Geld, entwerten nicht nur das Dirndl an sich, sondern machen die flachbrüstige Asiatin, die es noch schnell auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel gekauft hat, zu einem peinlichen Abklatsch. Eine Europäerin in einem Kimono sähe ebenso lächerlich und deplatziert aus und würde von einer Japanerin auch nicht als Geisha akzeptiert werden. Manche Dinge sind eben nicht stimmig.

Das Nachahmen von Traditionen und ortstypischem Verhalten von jedermann aus aller Herren Länder führt letztlich dazu, dass diese entwertet und ihrer Heimatzugehörigkeit beraubt werden. Es verkommt zu einem Klischee und wird zum Kitsch. Wertschätzung für eine Sache hat eben auch etwas mit Respekt zu tun und fängt da an, wo Dinge nicht nachgeäfft werden, weil sie einfach nicht zusammen gehören und es eben unpassend wäre. Und so werde auch ich dieses Jahr wieder in mein Dirndl schlüpfen und damit zur Wiesn gehen mit dem gemischten Gefühl, dass ich dieses Kleid zwar liebe, aber eben trotzdem keine Münchnerin bin, in der Hoffnung, dass mich kein Urbayer als „Zugereiste“ entlarvt, sondern meine Wertschätzung für Traditionen erkennt.

 

In diesem Sinne, o’zapft is! 

Daniele Ludewig

Schon lange nicht mehr so gelacht!

Ich war immer ein Fan von Harald Schmidt, ich liebe intelligenten Humor gepaart mit Wortwitz, und wenn gesellschaftliche Typisierungen pointiert widergespiegelt werden. All das hat dieser Film. An einer Stelle gab es sogar Applaus im Kino, weil eine der Filmfiguren mit ihrem Gefühlsausbruch wohl den Nerv einiger Anwesend getroffen hatte. 

Die Deutschen können gute Komödien machen, die über Proletenkino wie "Fack ju Göhte" hinausgehen. Die Zielgruppe dürften Leute sein, die "Gott des Gemetzels" und "Frau Müller muß weg" mochten. Man muß allerdings ein paar Vorkenntnisse über deutsche Geschichte, aktuelle Politik und Gesellschaftsphänomene mitbringen, sonst kann man die Grandiosität der Dialoge nicht erkennen und ist raus. Der Film ist was für gebildete Leute, eigentlich genau dieser gebildete Mittelstand, der in "Der Vorname" auf die Schippe genommen wird. Wer nicht über sich selber lachen kann, ist deshalb auch raus. 

Ich kann diesen Kinofilm nur wärmstens empfehlen und wünsche viel Spaß! 

Daniele Ludewig
Bild: copyright Constantin Film

INSPIRATION & MOTIVATION


In der Art wie wir leben, wie wir wohnen, und wie wir uns kleiden, aber auch im Umgang mit anderen Menschen wird unsere subjektive Wahrnehmung beansprucht oder auch beeinflußt. Positiv wie negativ. Das Wort Ästhetik drückt dieses subjektive Empfinden über Schönheit und Harmonie am besten aus und führt zur Auseinandersetzung damit.

Ist nur Symmetrie harmonisch?
Oder entsteht Harmonie auch durch Vielfalt?
Und ist Vielfalt immer schön?
Jeder entscheidet das für sich selbst.

Belle Sophie möchte Gedanken zu diesem vielseitigen Thema, das sich durch alle Lebensbereiche zieht, mit anderen teilen, und keine absolute Meinung vermitteln. Hier soll zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung, und manchmal zum Schmunzeln, angeregt werden. Bestenfalls ist sie ein Wegweiser für eine Gesellschaft, die vielleicht ein bisschen vergessen hat, auf sich selbst und den Umgang mit anderen Menschen zu achten!

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


Kontakt

Daniele Ludewig
Helena von Rehberg
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